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Le Tour 2004

Lance Armstrong hat nun also zum sechsten Mal gewonnen.  Ein Rekord für die Ewigkeit, das kann nicht bezweifelt werden, ist aber einigen Kommentatoren noch nicht genug.  Es wird vom neuen Kannibalen gesprochen, schließlich hat Armstrong die Tour öfter als Eddy Merckx gewonnen und war zumindest dieses Jahr auf jeder Etappe so auf den Sieg versessen, daß er keine Geschenke an eine schwächelnde Konkurrenz vergab und drei Alpenetappen hintereinander gewann.  Trotzdem ist die Bezeichnung lächerlich.  Armstrong ist ein zahnloser Kannibale.  Seine Kraft reicht nur für drei Wochen.

Armstrong kann nur während der Tour bewundert werden, dann allerdings bricht es aus ihm mit schier unbegreiflicher Macht heraus.  Die Konkurrenz wird regelmäßig panisch nach Luft schnappend im Staub französischer Bergpfade zurückgelassen.  Diese Demonstrationen, diese Leistung, dieser Radsportgenuß der Sonderklasse wird uns während des Restes des Jahres vorenthalten, und es bleibt jedem Radsportfreund nur zu spekulieren, was wäre, wenn Armstrong auch den Giro führe, wenn er die Vuelta führe, wenn er Olympia führe.  Merckx hat 525 Rennen in seiner professionellen Karriere gewonnen.  Armstrong kann sich nicht annähernd daran messen.  Selbst Alessandro Petacchi ist dieser Tage der Anzahl der Siege nach ein würdigerer Kannibale.

Der zweite, der auf dieser Tour einen Rekord für die Ewigkeit aufstellte, war Richard Virenque.  Keiner hat sich das Bergtrikot öfter überstreifen dürfen, aber gleichzeitig war auch in der letzten Dekade kein ausgezeichneter Bergfahrer für die Gesamtwertung so unbedeutend.  Daß es keinen der Favoriten irritiert, wenn Virenque nach der ersten Bergetappe einen Vorsprung von über drei Minuten hat, spricht Bände.  Sowohl Lucien van Impe als auch Federico Bahamontes gewannen den Bergpreis sechsmal, einmal weniger als Virenque.  Irgendwann in ihren Karrieren merkten sie beide, daß für sie mehr drin ist, daß sie die Tour gewinnen könnten, was sie beide auch schafften.  Virenque wurde 1997 vom deutschen Wunderkind Jan Ullrich vernichten geschlagen.  Offenbar war sein Wille gebrochen, und er gab jede Hoffnung auf einen Gesamtsieg auf.  Der Konkurrenz ist das recht, die Rollenverteilung ist klar.  Virenque kriegt das Bergtrikot, und andere fahren auf Sieg.

Jan Ullrich ist inzwischen nicht mehr das Wunderkind von dereinst.  Er hat sich zum ewigen Zweiten gewandelt, stets der heißeste Konkurrent von Armstrong, der aber auch nur dazu reicht, den Texaner zu immer heroischeren Leistungen anzuspornen.  Dieses Jahr wurde Ullrich nur vierter, und viel ist spekuliert wurden, warum er nach einer gewonnen Tour de Suisse so bergfaul war.  Die alten Anschuldigungen einer erratischen Vorbereitung und bedauerlichen Vergeudung von Talent wurden wiederholt.  Nun ist aber Radsport vor allem ein Mannschaftssport, und Team Telekom, das sich dieser Tage ganz hip T-Mobile nennt, muß es sich ankreiden lassen, ihren Kapitän nicht ausreichend unterstützt zu haben.  Stets werden Talente geholt, herausragende Bergfahrer, die dann im Team versauern.  In den letzten Jahren war das Santiago Botero, selbst schon in anderen Farben Gewinner des Bergtrikots bei der Tour, vorher Bobby Julich.  Dieses Jahr ließ sich Botero auf fast jeder Bergetappe von Erik Zabel abhängen und lag folgerichtig in der Endabrechnung über 20 Minuten hinter dem Sprinter.

Andere wiederum sind so gut, daß sie selbst die Tour gewinnen könnten, im Team aber wohl nie ihre Chance bekommen werden – so wie Andreas Klöden, der von Ullrichs Betreuer Rudy Pevenage des Verrats bezichtigt wurde, als er Armstrongs Tempo am Zielanstieg der ersten schweren Bergetappe mitging.  Pevenage führt außerdem mit dem Teamchef Walter Godefroot eine persönliche Fehde, letztendlich auf dem Rücken der Fahrer.  Godefroot sollte sich vor Augen führen, daß er Jahr für Jahr beim Aufbau eines Siegesteams versagt.  Jegliche Ordnung, jedwede Strategie, ja alle rationale Gedanken hat er im Jahre des Triumphs von Jan Ullrich aus dem Fenster geworfen.  Seitdem ergötzt er sich an der Vergangenheit und lebt in dem Traum, daß Ullrich irgendwann einmal aus seiner Lethargie aufwacht und dann wieder die Konkurrenz in Grund und Boden fährt, wie es das 1997 schon einmal tat.  Das wird in diesem Umfeld sicher nicht passieren.

Wenn die Mannschaft nicht verändert wird, hat sie nächstes Jahr mit Ullrich, Klöden und Alexander Vinokourov drei potentielle Toursieger in ihren Reihen.  Das wird nicht gutgehen, daher wird mindestens einer der drei das Team verlassen.  Hoffen wir, daß es Ullrich sein wird.  Das letzte Jahr hat gezeigt, wozu er durchaus noch in der Lage ist, wenn er sich richtig motiviert und ein Team hat, daß mit Verstand zusammengestellt ist, bedingungslos für ihn fährt und vor allem vom geschichtlichen Ballast der letzten acht Jahre befreit ist.  Hoffen wir auch, daß es Klöden sein wird.  Solch ein großartiger Berg- und Zeitfahrer verdient ein starkes Team, das ihn als Kapitän unterstützt.  Hoffen wir weiterhin, daß es Vinokourov sein wird, der in der deutschen Mannschaft schon aufgrund seiner Herkunft immer ein bißchen verloren scheint.

Und schlußendlich sollte auch Zabel Team Telekom verlassen.  Dort kümmert sich schon seit Jahren keiner um ihn.  Keiner weiß, wieviele Siege er holt, ob er überhaupt gewinnt, und niemanden interessiert es.  Einen, der ihm den Sprint anzieht, hat er auch seit sechs Jahren nicht gehabt.  Das ging für eine Weile gut, als er noch unbestritten der beste Sprinter der Welt war.  Doch die Jahre vergehen.  Und auch wenn er, wie er selbst sagt, noch keine Bratwurst ist, sollte Zabel seine Rolle im Lichte seiner Leistungen überdenken und sich vor allem an die Tours 1995 und 1996 erinnern.  Dereinst hieß der beste deutsche Sprinter Olaf Ludwig und sein Altersprojekt war, den Nachwuchs an die Weltspitze zu führen und an das Siegen zu gewöhnen.  Der alte Fuchs was überraschend erfolgreich.  Schon im zweiten Lehrjahr gewann Zabel das erste seiner sechs grünen Trikots.  Jetzt sollte er sich einem Team anschließen, wo ein junger Sprinter von seiner immensen Erfahrung und außergewöhnlichen Klasse profitieren könnte, denn ein weiteres grünes Trikot ist für ihn nicht mehr drin.

Ein echter Lichtblick dieser Tour war Ivan Basso.  Er war der einzige, der Armstrong auf allen regulären Etappen folgen konnte und gewann sogar eine Bergankunft gegen ihn.  Seine noch heranwachsenden Zeitfahrqualitäten kosteten ihm die Tour, in der Endabrechnung lag er fast sieben Minuten zurück.  Nun hat er sich allerdings in Laufe des vergangenen Jahres im Zeitfahren ordentlich etwas von seinem Teamchef Bjarne Riis abgeschaut, und es steht zu hoffen, daß seine Entwicklung weitergehen wird und er zu einem kompletten Rennfahrer reift.  Dann wird er in Zukunft durchaus seine Chancen auf einen Toursieg haben.

Auch viel Freude bereitet hat Thomas Voeckler.  Ihm, dem amtierenden französischen Meister, fiel nach einer windigen, verregneten und kalten Etappe das gelbe Trikot auf die Schultern, weil er sich in einer Fluchgruppe befand, die über 12 Minuten vor dem Feld ins Ziel kam.  Dieses Trikot gab er zehn Tage lang nicht her, in den Pyrenäen wuchs er über sich hinaus und verteidigte es mit Armstrongeskem Kampfeswillen.  Voeckler sagt ganz richtig, daß er wohl nie die Tour gewinnen wird, seine jugendliche Offenheit und ehrliche Freude zählen zu dem schönsten, das die diesjährige Tour zu bieten hatte.

Zu den Verlierer der diesjährigen Tour gehören ganz eindeutig einige, um die zuvor gehörig Wirbel gemacht wurde.  Iban Mayo war letztes Jahr sechster und beeindruckte dieses Jahr bei der Vorbereitung vor allem während der Dauphiné Liberé, wo er anläßlich des Bergzeitfahrens auf den Mont Ventoux Armstrong eine herbe Niederlage bereitete.  Doch die Tour verlor er schon während der ersten Woche mit einem Sturz, der ihm viel Zeit kostete.  Als er dann irgendwann in den Bergen aufgab, interessierte das schon keinen mehr.  Roberto Heras, letztes Jahr stärkster Helfer von Armstrong und selber schon Sieger der Vuelta à España, wurde als Kapitän der neuen Liberty Seguros Mannschaft mit viel Vorschußlorbeeren bedacht, brach dann aber völlig ein und stieg irgendwann aus.  Tyler Hamilton, der stets unter großen Schmerzen außergewönliche Leistungen bringt, vierter der letztjährigen Tour und zweiter im Giro d'Italia im Jahre davor, stürzte wieder und plagte sich mit Rückenschmerzen, die sogar ihm irgendwann zuviel wurden.

Drei Wochen Radsport pur sind mal wieder vorbei, und es steht außer Frage, daß sich die Tour 2004 nicht mit der ihr vorgehenden Jubiläumstour messen kann.  Da Armstrong auf keiner Etappe gegen einen direkten Kandidaten Zeit verlor, stand sein Sieg schon recht früh fest.  Auch die nachfolgenden Plätze wurden durch große Zeitabstände getrennt, mit Ausnahme von Platz 2, den sich Klöden erst auf der vorletzten Etappe sicherte.  Traditionsgemäß hatte auch Virenque keine Opponenten im Kampf um das Bergtrikot.  Dem Radsportfan blieb nur, sich an Armstrongs Stärke und der seiner Mannschaft zu ergötzen, und die Sprints zu verfolgen.  Die ersten drei in der Wertung um das Grüne Trikot waren weniger als einen Etappensieg auseinander.

August 2004