Navigation

Nach Hause

Zur Arbeit

Über mich

Auf Reisen

Radfahren

Geschreibe

Meine Fotos

Gebloggtes

Französische Eigenarten

Frankreich ist mein drittes Neuland, und wie jedes Mal gibt es am Anfang jede Menge zu staunen.  Vieles ist anders, und Manches scheint unverständlich oder gar lächerlich.  Bald schon wird mir alles normal vorkommen, und ich werde mich der kleinen Unterschiede nicht mehr entsinnen.  Deshalb liste ich sie hier auf.

In Grenoble sind die Straßen so angelegt, daß die Freude am Fahren im Keim erstickt wird.  Zum einen zwingen mächtige Buckel im Asphalt zum Abbremsen und scharf wieder Anfahren.  Ihr Sinn ist wohl die Entschleunigung, in Wirklichkeit werden jedoch Schadstoffausstoß und Lärmpegel erhöht und die Lebensdauer der Stoßfänger verkürzt.  Zum anderen gibt es fast soviele Ampeln wie Autos, die überall und selbst noch mitten in der Nacht den Verkehrsfluß effektiv behindern.  Dort, wo eine Ampel (zu Stoßzeiten) wirklich notwendig wäre, steht oft ein verstopfter Kreisverkehr.  Unter solchen Bedingungen kann sich schnell Ärger aufbauen.  Wie der sich entlädt, erlebe ich jeden Tag.

Die Aggressivität im Straßenverkehr ist extrem, zumindest innerstädtisch kommen die Koleriker voll auf ihre Kosten.  Der Kontrast zur Ruhe des amerikanischen Westens könnte nicht größer sein.  Der allgegenwärtige Twingo wird bewegt, als sei es ein gepanzertes Kampffahrzeug der französischen Landstreitkräfte.  Lücken werden Stoßstange auf Stoßstange zugefahren, damit sich der Peugeot aus der Seitenstraße ja nicht am Stau beteiligen kann.  Es wird freizügig gehupt, als wollte der Kollege, der gerade die Straße blockiert, nicht dringend irgendwo hin, sondern einfach nur die Sonne genießen.  Ich habe runtergelassene Scheiben gesehen, aus denen sich zornrote Gesichter Beleidigungen zubrüllten.  Fußgänger sind an Zebrastreifen Freiwild und müssen mit Beschimpfungen rechnen, wenn sie ihr Recht wahrnehmen.  Oder das Auto nähert sich, ohne langsamer zu werden, und stoppt mit quietschenden Reifen nur wenige Zentimeter vor den Beinen des Straßenüberquerers.  Ähnlich verhalten sich Rechtsabbieger, denen grüne Fußgängerampeln völlig egal sind.  In jedem Fall sitzt am Steuer ein Idiot mit verbissener Miene.  Mir gefällt das ausgezeichnet.  Ich würde mir auch gern den Adrenalinrausch geben, ist genau mein Stil.  Aber ich habe nur ein Fahrrad.

Nun könnte man annehmen, es sei suizidal, den täglichen Kampf ums Ankommen auf dem Rad auszufechten.  Aber meistens sind der Verkehr so dicht und die Geschwindigkeiten so gering, daß man auf dem Velo leicht gewinnt und fröhlich an allem Ärger vorbeisausen kann.  An Kreuzungen ist man immer Erster, Einbahnstraßen gelten nicht, Busspuren sind erlaubt und überholt wird rechts wie links.  Aufzupassen gilt es natürlich trotzdem, wenn man überleben will.  Ein paar Mal hätte es mich fast erwischt.  Aber mit fast kann ich leben.  Und mit einem Lachen im Gesicht werde ich mich auch morgen wieder ins Gewühl stürzen.

Auf dem Fahrrad erlebe ich täglich die bizarrste Marotte der Franzosen, total obskur und für mich völlig unerklärlich.  Nicht wenige Radler, fast ein Viertel der Herren unter 35, schätze ich, fahren freihändig.  Die Brust wie eine Schrankwand senkrecht im Wind, die Hände vor sich verschränkt oder schlaff an der Seite baumelnd, das Vorrderrad auf ruppigem Asphalt immer leicht schlackernd, wird auf Arbeit gefahren oder zum Fußballplatz.  Nun muß ich zugeben, daß ich auch stolz war, als ich freihändig fahren lernte.  Ich erkundete die Gegend um Coswig auf meinem Fahrrad, fuhr überall hin, ohne den Lenker festzuhalten, geradeaus und um Kurven.  Ich war ja so cool.  Ich war auch ungefähr acht Jahre alt, und mit der Zeit hat sich mein Verständnis von Coolness gewandelt.  Hier kann man auch mit 35 noch ganz leicht lässig und locker sein.  Kein Wunder, daß die Trends dieser Tage nicht aus dem Frankenreich kommen.

Aber zumindest schön, daß auch Andere Fahrrad fahren.  Ich hatte ursprünglich angenommen, Franzosen wären radbegeistert, ganz besonders in Grenoble.  Warum würde man hier wohnen, wenn nicht um im Sommer radzufahren?  Die Tour kommt jedes Jahr vorbei, weil es so schön ist.  Leider habe ich mich getäuscht.  Auf meinen viele Ausfahrten habe ich bislang nur wenig andere Radler gesehen.  Ein Grund für die fehlende Begeisterung sind sicher die miserablen Straßen.  Es gibt kaum mal hundert Meter, auf denen man ohne Furcht vor Rillen, Löchern oder Gullideckeln rollen könnte.  Teilweise sieht der Belag so aus, als wäre er seit Napoleons Zeiten nicht aufgefrischt worden.

In der Stadt hat es mehrere Monate gedauert, bis ich einen Fahrradladen fand.  Als ich den zum ersten Mal voller Komsumgier betrat, warf mich die Erinnerung an die gute alte DDR fast um.  Der Laden war gähnend leer.  Eine mißmutige Fahrradreparaturfachkraft saß schweigend an eine Wand gelehnt.  Ich kaufte einen Reifen, eine Satteltasche und ein paar Handschuhe.  Das ging wie folgt von statten.  Ich, leicht skeptisch:  Haben Sie Reifen?  Er, nicht unfreundlich:  Ja, diesen hier.  Die Qual der Wahl blieb mir komplett erspart.  20mm, 23mm, 25mm?  Blau, Schwarz oder Rot?  Falt- oder Drahtreifen?  Solche Details störten unsere Transaktion nicht.  Das nächste Mal bestellte ich bei boc24.de, damit mein Fahrrad weiterhin rollt.

Denn zu Fuß will ich mich gar nicht so recht nach draußen wagen.  Entspannt spazieren zu gehen, ist fast unmöglich.  Die meisten Gehsteige gleichen Hindernisparcours mit höchstem Einsatz.  Kaum ein Schritt, der nicht im Hundehaufen enden könnte.  Unglaublich, welch braune Vielfalt sich dem Passanten in den Weg legt.  Überall.  Dabei gibt es nicht übermäßig viele Hunde, aber die wenigen dürfen offenbar überall, und keiner schert sich drum.  Letzthin bin ich an der Isère langgeradelt, inmitten vieler Familien auf Sonntagsbummel.  Die Eltern entspannen sich und genießen die frische Luft.  Die Kinder dürfen das Terrain erkunden und ihrem Spieltrieb nachgehen.  Und ein paar Hundert Meter weiter entleert sich eine Dogge in die Wiese.  Ist es denn wirklich so schwer, hinter dem Köter aufzuräumen?  Ich scheiß dem Hundehalter doch auch nicht ins Wohnzimmer.

Seit ein paar Monaten lese ich den Express, eine Wochenzeitschrift, die ich niemandem empfehlen kann.  Aber ich wollte regelmäßige aktuellpolitische Lektüre, und dieses Magazin war am schnellsten, mir ein Abo aufzudrängen.  Was mir seitdem besonders auffällt, sind nicht die obskuren Details von Innen- und Sozialpolitik, sondern eine interessante Eigenart der französischen Schriftsprache.  Fragmente sind hochgeschätzte Mitglieder des Satzgefüges.  Kaum ein Abschnitt, der ohne sie auskäme.  Oft stehen Appositionen, die zum vorangegangenen Gedanken gehören und diesem per Komma zugeordnet sein sollten, eigenständig und verwirren mich als Leser über Gebühr.  Meine Augen haben schon zwei Zeilen weitergelesen, während mein Hirn in panischer Suche nach dem verpaßt geglaubten Verb verharrt.  Meinem Verständnis ist das nicht zuträglich.  Ob Schludrigkeit, Faulheit der Autoren oder das Stilhandbuch des Express daran schuld sind, kann ich nicht sagen.  In Büchern ist mir das jedenfalls bisher nicht so aufgefallen.  Ganz im Gegenteil, meine gegenwärtige Lektüre, La Peste, zeichnet sich durch ganz exquisite Sprachkunst aus.  Das erste Fragment fiel mich erst auf Seite 105 an.

Vielleicht sollte ich mich ganz vom ausführlich geschriebenen Wort fernhalten und stattdessen Comicbücher kaufen, die hier eine unglaubliche Popularität genießen.  In Buchläden gibt es ganze Abteilungen voller bandes dessinées, und aller Nasen lang findet ihnen zu Ehren ein Festival, eine Tauschbörse oder eine Auktion statt.  Das Fernsehen will da nicht hintenan stehen und bietet diverse Zeichentricksender.  Einer hat sich ganz japanischen Mangas verschrieben.  Das mag sehr unterhaltsam sein, ist aber sprachlich natürlich kein Camus.

Klingt das bisher recht negativ?  So ist das nicht beabsichtigt.  Zur Abwechslung also mal was Erbauliches.  Die Franzosen haben todsichere Rezepte gegen Verdruß und schlechte Laune.  Wenn meine Stimmung im Keller ist, gehe ich immer in den Supermarkt und ergötze mich an der Käsetheke.  In einem Laden, der sich seiner kleinen Preise rühmt, ist die Auswahl größer als bei Pfund's Molkerei in Dresden.  Hauptsächlich gibt es natürlich heimische Leckereien, wie insgesamt bei Lebensmitteln.  Savoyardischer Gruyère, baskischer Hart- und korsischer Weichkäse, unzählige Sorten Blauschimmel, Schafs- und Ziegenkäse, Camembert, Brie, Tommes jeglicher Provenienz, St. Marcelin, St. Félicien und andere Heilige, Reblochon und vieles mehr bilden ein fünf Meter langes Paradies für Liebhaber veredelter Milch.  Ich kann nicht sagen, daß ich schon jede Köstlichkeit nach Hause getragen hätte, aber Bleu de Sassenage, Vieux Pané, Comté Extra und Etorki habe ich sehr ins Herz geschlossen.

Beim Wein ist es ähnlich – die Auswahl ist groß und die Qualität erlesen.  Eine ganze lange Seitenwand des Ladens präsentiert französischen Rotwein.  Meine Laune hebt sich schon beim Anblick, und ich kaufe gerne.  Empfehlen kann ich Corbières, Premières Côtes de Blaye, Costières de Nîmes und Côte de Ventoux, allsamt bei angemessenem Preis durchaus trinkbar.  Ganz offenbar kann es noch viel besser sein.  Aber es muß nicht, denn ich bekomme hier zwei Flaschen leckeren Weines, keinesfalls ausgewählt, sondern zufällig aus dem Regal gegriffen, für den Preis einer mittlemäßigen Flasche in den USA.  Trotzdem höre ich mehr Klagen über die ansässige Önologie als Lobpreisungen.

Über die Qualität von Obst und Gemüse bin ich jedesmal wieder erstaunt und erfreut.  An erster Stelle sollte ich den Bauern dankbar sein, daß sie sich dem Trend des immer billiger, immer jämmerlicher so edelmütig entgegenstellen.  In Wahrheit sind es natürlich Milliarden an EU-Subventionen, die hochpreisige Landwirtschaft erst möglich machen.  Daher geht an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön nach Deutschland an alle Steuerzahler, die mir meine hohe Lebensqualität sichern.  Die Landsbesteller hier betrachten schier endlos fließende Gelder als ihr gutes Recht und reagieren auf angedrohte Kürzungen mit militanten Aktionen.  Da werden mit Mähdreschern tagelang Autobahnen blockiert oder kübelweise Rüben vor das Rathaustür verschüttet.  Ich will es ihnen nicht verdenken.  Gut essen kostet, und es muß jemand dafür zahlen.

Überhaupt sind Franzosen sehr empfänglich für Protestereien jeglicher Art.  Die Gewerkschaften verstehen es, das ganze Land lahm zu legen, obwohl nur 8% der Erwerbstätigen darin organisiert sind.  Aber in großen staatlichen Unternehmen, wo der Sozialismus viriler ist, als er es im Ostblock je war, sind die Syndicats mit Eifer bei der Sache.  Und wenn ein paar Matrosen Korsika von der Außenwelt abschneiden oder die Busfahrer Marseilles die Innenstadt auszubluten versuchen, hat das natürlich dramatische Auswirkungen und schadet der nichtbeteiligten Mehrheit.  Jegliche eventuell aufkeimende Diskussion über Sinnhaftig- und Verhältnismäßigkeit der Protestaktionen wird mit dem Wort Solidarität erstickt.  Was sich dahinter versteckt, wird nie erörtert oder erklärt.  Das Wort dient stets nur dazu, die eigene Position zu divinisieren und Dissent abzuwürgen, und fehlt daher in keinem politischen Diskurs, wofür oder wogegen auch immer.

Die französische Staatbahn ist bei jedem Streik dabei.  Sie ist im Selbstverständnis ihrer Angestellten zuallererst für deren Wohlbefinden verantwortlich.  Wenn das dem Interesse der Passagiere engegen läuft, tant pis.  Dementsprechend ist die Qualität des Schienen gebundenen Personenverkehrs oft hundsmiserabel.  Die Züge sind alt und langsam.  Der legendäre TGV, der wahrlich schon bessere Zeiten gesehen hat, fährt nur nach Paris und von dort in die Provinz.  Wenn er in Grenoble ankommt, hat er jeden Elan verloren und macht keinem Bummelzug ernsthafte Konkurrenz.  Nach Genf, immerhin das Tor zur Schweiz, durch das jeder muß, der aus dem Südwesten kommt, fahren am Tag drei Züge, deren Fahrplan zu allem Überdruß so fein abgestimmt ist, daß die schweizer Verbindung immer um weniger als fünf Minuten verpaßt wird.  Nur so ist es zu erklären, daß trotz irrer Maut und königlicher Spritpreise der Fernverkehr weiter über verstopfte Autobahnen rollt.

Im krassen Gegensatz zur Eisenbahn gibt es in Frankreich ein schönes Beispiel für die Kraft des Marktes und den Qualitätszwang, der durch Konkurrenz erzeugt wird.  Die Telekommunikation zeigt eine optimistische Zukunft.  Der Markt wurde liberalisiert, neue Anbieter sahen ihre Chance und versuchen nun, Kunden für sich zu gewinnen.  So kommt es, daß ich für 22 Euro im Monat einen Telefonanschluß bekomme, durch den nicht nur endloses Internet mit 20 Megabit pro Sekunde kracht, sondern auch ungefähr 50 Fernsehkanäle.  Ich legte mir sogar einen Fernseher zu, um die bunte Vielfalt zu genießen.  Beim Zapping durch katholisches Fernsehen, Al-Jazeera, Fashion TV, Sailing Channel, Canale Cinque, Planeta aus Rußland und CCTV aus China kamen mir irgendwann Bedenken, ob das nicht doch alles Schwachsinn sei.  Aber seit ich nach der Bundestagswahl live auf der Deutschen Welle sah, wie der damaliger Nochkanzler die Elefantenrunde zu Staub zerstampfte, ist meine Begeisterung fürs Fernsehen kräftig gestiegen.

Abschließend noch ein Wort zu den Franzosen selbst, die als stolzen Völkchen gelten.  Sie sehen sich als die Nachfahren der Gallier, die den Mächtigen gern die Stirn bieten, legen aber andererseits großen Wert darauf, zu den Mächtigen zu gehören und bei jeder politischen Frage konsultiert zu werden.  Sie sehen sich mit einem sprachlos machenden Selbstverständnis als der Nabel der Welt.  Als Tourist war mir das früher nie aufgefallen, wie verbreitet herablassendes Verhalten ist.  Das beste Beispiel ist der Innenminister, Nikolas Sarkozy, dem ich allein aufgrund seiner unglaublichen Arroganz die besten Chancen für die Präsidentschaftswahlen 2007 einräume.

im November 2005