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Pitschnaß am Romeyère

Kurz vor zwölf setze ich mich auf mein Rad, um die bislang längste Runde durchs Vercors zu drehen.  Am Wochenende zuvor hatte ich im Auto mir unbekannte enge, kurvige, steile, wilde, stille Straßen gefunden, und freute mich jetzt sehr darauf, diese auf dem Fahrrad zu erleben.  Beim Frühstück habe ich mich noch gewundert, daß die Sonne nicht durchs Küchenfenster schien, mir aber nichts dabei gedacht.  Der Wetterbericht hatte seinen Optimismus auf mich übertragen.  Ich fahre aus der Stadt raus, es ist empfindlich kühl, der Himmel wolkenverhangen.  Soll ich noch mal umdrehen, langes Trikot holen, Windweste?  Ach was.  Wird schon gutgehen.

Die ersten 35 Kilometer geht es die Isère entlang.  Es ist flach wie Holland.  Dann beginnt der erste Anstieg, der Col de Romeyère.  Trotz seiner 12km mit durchschnittlich 7% Steigung ist dieser wesentlich, nein unermäßlich spektakulärer als er steil ist.  Auf halber Höhe nähert man sich einer mehrere hundert Meter hohen Felswand, an deren linker Seite gewaltige Wasserfälle ins Tal donnern und in der Schlucht neben der Straße verschwinden.  Ein Paradis für Kletterer und Wildwasserabenteurer.  Weit oben erahnt man den Fortgang der Straße, die als dunkles Band im Felsen gerade so auszumachen ist.  Für Moral und Nackenmuskulatur ist es besser, man bleibt über den Lenker gebeugt.

Fünfzehn Minuten später sieht die Welt schöner aus.  Wie in einer Galerie fahre ich unter der überhängenden Felskante, durch ein 30cm hohes Gemäuer vom Abyss getrennt.  Ich halte and und genieße.  Der Ausblick ist betörend, nach Norden öffnet sich die Schlucht ohne Namen weit zur Ebene von Lyon.  Wenn ich mich vorbeuge, brüllt mich der Wasserfall an.

Weiter gehts, noch sind es vier Kilometer bis zum Paß.  Als ich ankomme, blicke ich in einen Hexenkessel, in dem eine besonders garstige Wettersuppe brodelt.  Da will ich rein?  Und auch der Himmel läßt böses erwarten.  Wie ich noch überlege, ob ich es wagen soll, treffen mich die ersten vereinzelten Tropfen, die sich innerhalb einer kurzen Minute zum Wolkenbruch verdichten.  Ich finde Unterschlupf in einem kleinen Verhau, aber erkenne bald, daß mein Warten hier nichts bringt.  Der schöne Tag ist vorbei.

Ich beiße in den sauren Apfel, steige wieder auf mein Rad und stürze mich die schon regennaße Paßstraße hinab, die ich soeben bezwungen habe.  Für eine Weile sieht es tatsächlich so aus, als könnte ich dem Unwetter enteilen, doch das Tal erreichen wir beide zugleich. Ich bin so pitschnaß wie die Landschaft um mich.  Und es prasselt unbarmherzig auf mich ein.

Das stört mich aber überhaupt nicht.  Ich achte mit fast religiösem Eifer auf das Wetter und wage mich normalerweise nicht aufs Rad, wenn die Gefahr zelester Nässe besteht.  Ich bin ein Schönwetterfahrer, ich mach das aus Spaß.  Wenn es mich dann doch einmal erwischt, äußerst selten, ist das etwas Besonderes.  Ich erinner mich der fünfstündigen Wasserschlacht vor zwei Jahren in Lake Placid , mein letztes solches Erlebnis, und trete ordentlich rein.

Denn länger als notwendig will ich diese Sauerei nicht ertragen müssen.  Ich fahre kontrollierten Anschlag, Puls 170, knapp 40 km/h.  Eine Anstrengung, die ich mir für die nächste Stunde zutraue.  Der Regen ist warm, meine Beine auch, die Welt ist reduziert auf ein paar Meter Straße vor mir.  Ich folge dem Seitenstreifen, ab und an ein Blick auf den Tacho, um die Motivation aufzufrischen.  Es läuft, es macht Spaß.

Aus den Augenwinkeln sehe ich das winzige rote Auto, das im frischen Grün geparkt ist.  Was kümmerts mich?  Doch ein Mann in Radlerhose steht daneben.  Ich nehme den Gang raus, laß es rollen, schaue fragend.  Er winkt mir zu, grinst, zeigt auf seine Flohkiste.  Mitfahren?  Das Weichei in mir pocht auf sein Recht und bekommt es auch.  Und mein Zeitfahren hat sich mit einem Mal zu einem Prolog reduziert.  Wie kann ich nein sagen?  Ich hatte mich zwar auf die nächsten 30 Kilometer gefreut und auf das wohlige Gefühl totaler Erschöpfung und die warme Dusche danach.  Aber wie kann ich dem Straßenrandsamariter, dem Retter der Durchweichten, die helfenden Hand ausschlagen?  Ich halte an.

Nun ist die Geschichte aber hier noch nicht zu Ende.  Das edle Gefährt, die Oase trockner Wärme mitten im tobenden Sturm, ist ein Wunder italienischer Ingenieurskunst, ein winziger Fiat Panda.  Ein Ding der Unmöglichkeit, da ein Fahrrad unterzubringen?  Keineswegs, ein Rennrad macht sich schon hinter den Sitzen breit.  Ich muß meins nur zerlegen, geschickt hineinzwängen und einpuzzeln.  Alles paßt.  Und auch für mich ist zwischen Beifahrersitz und Windschutzscheibe noch ein schmaler Streifen Platz.  Es geht los.

Die Viertelstunde Fahrt vergeht viel zu schnell.  Giovanni, so heißt er, ein Sizilianer, versprüht südländische Geselligkeit.  Auf französisch, italienisch und, ich erzähle ihm, daß ich Deutscher bin, auch auf deutsch redet er auf mich ein.  Er hat mal vor langer Zeit in München gearbeitet.  Ach, die goldnen Jahre.  Jetzt lebt er in Grenoble und genießt, genau wie ich, die Berge sehr.  Er erzählt mir alles über die Bergzeitfahren, die jedes Wochenende in der Umgebung stattfinden, und über seinen Klub, in Fontanil.

Wir halten vor meinem Haus.  Ich steige widerwillig aus, es regnet immer noch.  Hastig bastel ich mein Rad zusammen, schnapp meinen Kram und flüchte ins Trockne.  Giovanni rollt von dannen und mit ihm meine Wasserflasche, wie ich später bemerke.  Das ist ein Preis, den ich für die unverhoffte Taxifahrt gern bezahle.  Ich werde mir eine neue kaufen.  Oder ich schau in Fontanil vorbei und werde Mitglied im Radverein.  Arrivederci, Giovanni.

29. August 2005