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Durch Rom schlendern

Es regnet, nun schon den dritten Tag.  Unterbrochen werden die wolkenbruchartigen Niederschläge nur ab und zu und nur für kürzeste Zeit.  Draußen ist es warm, und immer wenn der Regen nachläßt, dampft es von den Straßen, die schwarz unter der Nässe glänzen.  Von sattgrünen Bäumen tropft schwer das Wasser.  All das ist schön anzuschauen und lädt dazu ein, bei Tee und Biscotti die Welt um sich zu vergessen und erholsame Stunden des Nichtstuns zu genießen.

Verlockend, gewiß, aber deswegen bin ich nicht nach Italien geflogen.  Eine Freundin aus Studientagen feiert ihren dreißigsten Geburtstag und gleichzeitig Abschied von dem Land, in dem sie zweieinhalb Jahre lebte und arbeitete.  Wobei das nicht irgendwo war, sondern Monterotondo, nur einen Steinwurf von Rom entfernt.  Ihr Institut liegt eine halbe Zugstunde außerhalb der Metropole.  Jetzt, da sie nach Deutschland zurückkehrt, ist für mich die letzte Gelegenheit, der ewigen Stadt meinen ersten Besuch abzustatten.

Da es aber beharrlich regnet, sitze ich fest.  Dana wohnt in Mentana, zwanzig Minuten vom Bahnhof, äußerst romantisch in einem mittelalterlichen Komplex, der früher einmal ein Kloster war und heute den Charme des Vergessenen ausstrahlt.  Währen auf der anderen Seite des Fensters die Wolken brechen, sitzen wir drinnen in gemütlicher Runde.  Nur mir krabbelt es in den Beinen.  Es hält mich kaum im Zimmer.  Schließlich bin ich das erste Mal in Lazien und kann es kaum erwarten, endlich Rom zu sehen – im Trockenen, wenn das irgend möglich ist.

Ich könnte die Zeit gut damit verbringen, in dem bisher sträflich mißachteten Reiseführer zu blättern und mir einen Schlachtplan zu erstellen, damit ich, wenn es das Wetter erlaubt, wie ein guter Tourist von Attraktion zu Attraktion rennen und später sagen kann, daß ich alles gesehen habe.  Doch danach steht mir nicht der Sinn.  Die wetterbedingte Pause läßt sich viel besser bei Essen, Trinken und Schwätzen verbringen und Rom sich viel besser planlos erleben, wie sich später zeigen soll.  Ich bin schließlich in Italien.  Was paßte besser, als das Fehlen von Ordnung und Organisation zur Philosophie zu erheben und, im blinden Vertrauen auf Improvisation und Intuition einfach drauflos zu laufen.  So bleibt der Reiseführer im Gegensatz zu den Biscotti unberührt.

Schlendern

Am nächsten Morgen scheint nach beängstigend gewittriger Nacht endlich die Sonne, mit südlicher Kraft Optimismus verbreitend.  Ich mach mich auf den Weg, ohne irgendeine Ahnung, wohin mich dieser führen würde, und steige in den Zug, der, lokalen Bräuchen verpflichtet, verspätet einfährt.  Eine gute Stunde später, nach angenehmer Fahrt in einer modernen S-Bahn gefolgt von einer abenteuerlichen Viertelstunde in einer klapprigen, stickigen, heißen und zum Bersten gefüllten U-Bahn steige ich die Stufen aus dem Dunkel hinauf und trete in das klare Licht eines italienischen Spätsommertages.

Vor mir reckt das Kolosseum seine mächtige Nordmauer in den wenig bewölkten Himmel.  Sie scheint zum Greifen nahe, lediglich eine dreispurige Straße liegt pulsierend im Weg.  Es gibt Fußgängerüberwege, aber keine Autofahrer, die diesen Beachtung schenken würden.  Nach kurzer Beobachtungsphase mache ich es wie die Römer und so, wie ich es schon in Paris gelernt habe.  Augen zu und durch.  Ja keinen Blickkontakt herstellen.  Der Autofahrer würde sonst annehmen, seine Anwesenheit wäre bemerkt und der Fußgänger würde die Konsequenz daraus ziehen und am Straßenrand verharren.  Beim blinden Überqueren der Straße liegt jedoch die Verantwortung beim Fahrer, der dann umsichtig bremst.  Die andere Straßenseite wird so schnell und sicher erreicht, und damit die zweitausend Jahre alte Mauer des Kolosseums.

Da ich keine Lust auf Warteschlangen und Eintrittsgelder habe, für die selbst mir das Kolosseum bekannt ist, lasse ich es links liegen und schreite auf einer ehrwürdigen Pflasterstraße beschwingt ins Blaue.  Die Nichtlektüre des Reiseführers hat mich gut vorbereitet.  Ich weiß nicht, was es zu sehen gibt, und habe folglich keine Angst, etwas zu verpassen.  Auf der Suche nach Sehenswertem und Ungewöhnlichem lasse ich mich treiben und nehme die Atmosphäre auf.  Was mir auffällt, sind die vielen freien Flächen, die Luftigkeit der Stadt, die ein mediterranes Flair verbreiten.  Es ist, als promeniere man durch einen riesigen Park.  Der Verkehr mag chaotisch sein, wenn man selbst daran teilnimmt, den fußgehenden Besucher indes stört er kaum.  Die Luft ist erstaunlich klar und riecht nicht nach Großstadtmoloch.  Staub, Smog und Abgase wurden vom Regen der vergangenen Tage hinweggewaschen.  Ich sende den noch verbliebenen Wolken meine erste Dankesbotschaft.  Die zweite wird nach kurzem Schlendern unausweichlich, als sich die dramatische Hintergrundkulisse in meine Fotos drängt und diese mit außergewöhnlichem Drama füllt.

Ganz ohne Plan bin ich dann doch nicht.  Ein Ziel habe selbst ich, wenn auch aus unkonventionellem Grund.  Zum Vatikan will ich auf jeden Fall, aber nicht, um Benedikt zu ehren.  Ich möchte nicht, daß meine Ansichtskarten erst in vier Wochen in Deutschland sind.  Da die italienische Post für ihre Gemächlichkeit bekannt ist, gebe ich der päpstlichen den Vorzug.  Nebenbei entdecke ich noch die besten öffentlichen Toiletten Roms, ebenfalls im Vatikan.  Sauber, hell, kostenlos und, wenn man die Massen draußen zum Maßstab nimmt, überraschend menschenleer.  Nach ein paar Minuten auf dem Petersplatz gehe ich weiter.  In die Warteschlange für den Dom reihe ich mich nicht ein.

Stattdessen bummel ich den Tiber entlang, optimistisch ins Unbekannte schreitend.  Nach einer Weile komme ich in Trastevere an, einem Stadtviertel, das bei Künstlern, Bohemen und ihren jeweiligen Herkunftsländern freiwillig Entflohenen sehr beliebt ist.  In Würde verfallende Mietshäuser säumen enge Gassen, die durch kleine Cafés, Eisdielen und bizarre Läden ihr eigenes Flair bekommen.  Manchmal öffnet sich die urbane Dichte, und eine kleine Piazza macht sich breit, stets von anliegenden Restaurants mit Tischen bestellt.  Die Sonne schickt ihr Licht an ockeren und warmbraunen Häuserwänden dutzendfach gebrochen nach unten.  Es gibt nichts zu sehen, und doch ist alles sehenswert und lädt zum Verweilen ein.  So vergehen Stunden und schließlich der Nachmittag.  Ich muß aus Rom zurück, wieder in Danas kleine Stadt, weil für den Abend ein Höhepunkt des Aufenthaltes geplant ist.

Essen

Mentana liegt abseits jeder Touristenpfade, nicht nur ausgetretener.  Das ist angesichts mausgrauer Kleinstadttristesse gut zu verstehen, aber kulinarisch völlig unverständlich.  Es gibt eine Gelateria, die straßenseitig im Erdgeschoß eines farblosen Plattenbaus himmlische Leckereien feilhält, gefrorene Köstlichkeiten, deren Ruf wir jeden Abend folgen, selbst auf die Gefahr hin, bis auf die Haut durchweicht zu werden.  Es gibt des weiteren ein kleines Restaurant, dessen Besitzer die Gäste beim Eintritt persönlich begrüßt und ihnen Speisen vorschlägt, ohne eine Karte auch nur anzubieten.  Ein paar Abende eher saßen wir dort und verstanden nur die Hälfte.  Der Vorschlag des Gastwirts:  "Vertraut mir, ich weiß, es wird euch schmecken." Er hatte recht, und wir schlemmten göttlich.

Für diesen Abend jedoch hat sich Dana etwas ganz Besonderes ausgedacht, die epikure Krönung schlechthin, gut versteckt hinter der wenigsagenden Fassade von Massimos Önothek.  Wie jeder weiß, zeichnet sich ein gutes Restaurant dadurch aus, daß die Karte abhängig davon, was es gerade frisch auf dem Markt gibt, geschrieben wird.  Der gute Koch kauft nicht, was er kochen möchte, sondern zaubert mit dem, was ihn beim Einkaufsbummel inspiriert.  Schon allein in der Hinsicht ist Massimo ein exzellenter Koch.  Er kauft früh frisch ein, kocht später kreativ, und der Gast ißt, was auf den Tisch kommt.  Ein Karte gibt es auch hier nicht, und auch keine Wahlmöglichkeit.  Es ist, wie man gerne sagt, wie bei Muttern.  Dazu paßt gut, daß Massimo mit seiner rundlichen Körperform und seiner warmen Art eine gewisse Mütterlichkeit ausstrahlt.

Bevor die Speisen auf den Tisch kommen können, muß eine Reservierung aufgegeben werden, denn, um dem Erlebnis die Krone aufzusetzen, Massimo kocht nur für die, die sich angemeldet haben.  Wer das vergißt, kann sich gern in die Enoteca setzen, Wein kosten und dabei Nüsse knabbern, wird aber nicht bekocht.  Wir hatten reserviert, was nicht einfach war.  Ein paar Tage vor dem geplanten Abendessen gingen wir auf dem Weg zur Eisdiele bei Massimo vorbei und teilten ihm unseren Plan mit.  Seine Antwort fiel denkbar knapp aus:  "Sonntags habe ich geschlossen." Doch einen Moment später fügte er als guter Unternehmer gutmütig hinzu:  "Wie viele seid ihr denn?"

"Sieben."

"Mittags oder Abends?"

"Abends."

"Hmm, mittags hätte ich aufgemacht, aber abends...  Nun gut.  Ist halb acht ok?"

Und damit bekommen wir nicht nur eine Extrawurst gebraten, sondern auch eine Privatvorstellung in einem Restaurant, von dessen Qualität ich im voraus nicht die geringste Ahnung hatte.

Am Sonntagabend sind wir dann in der Tat die einzigen Gästen in dem kleinen, von reich gefüllten Weinregalen umstandenen Raum.  Wir werden wir Freunde begrüßt, wortreich und mit bedeutungsschweren Gesten, die wir nicht zu übersetzen brauchen.  Die erste Flasche Wein wird geöffnet, natürlich vom Chef des Hauses ausgewählt.  Dann wir die erste Vorspeise aufgetragen, geräucherte Gänsebrust in zarten Streifen, und ein Gourmetmahl beginnt.  Der Genuß bestimmt das Tempo.  Eine zweite Vorspeise kommt und dann, es geht schon auf neun zu, die dritte.  Jeweils kleine Portionen mit großem Geschmack.  So muß Essen sein.  Das Hauptgericht besteht aus einer Lasagne, von der ich mir nicht viel erwarte, weil ich Lasagne bisher immer mit "gefüllte klebrige Nudelscheiben" übersetzte.  Massimo belehrt mich eines besseren.  So sitzen wir und essen, trinken und plaudern.  Über Dessert und Kaffee klingt das Mahl aus.  Am Ende sind es weniger als 30 Euro, die die Rechnung begleichen.  Ein Reiseführer würde von einem absoluten Geheimtip sprechen, aber Mentana ist, wie schon erwähnt, fernab touristischer Interessen.

Weiterschlendern

Der nächste Tag beginnt vielversprechend.  Die Sonne zeigt sich früh schon am Himmel und läßt auf schönes Wetter hoffen.  Wir mache Besuchspläne, das erste Mal in dieser Woche, weil wir jetzt eine kleine Gruppe sind und uns koordinieren müssen.  Die sind nicht das erste Mal in Rom und wollen dieselben alten Steine nicht noch einmal sehen.  Unsere Wahl fällt auf Ostia Antica, die alte Hafenstadt außerhalb Roms.  Diese erstaunlich gut erhaltene Anlage erlaubt dem Besucher, durch eine antike Siedlung zu spazieren und das Gefühl zu haben, 2000 Jahre zurückversetzt zu sein.  Geschäftiges Treiben wird dieser Tage zwar nur durch die Besucher verbreitet, aber mit ein bißchen Fantasie kann sich Jeder antik-römisches Getümmel, volle Läden, staubige Werkstätten und laute Märkte vorstellen.  Die teilweise bis ins erste Obergeschoß ragenden Mauern machen das leicht.

Es ist nicht ganz einfach, nach Ostia zu finden.  In Ostiense müssen wir umsteigen und folgen Hinweisschildern, die uns über Treppen und durch Tunnel in einen abgeschiedenen Teil des Bahnhofes führen.  Wir steigen in einen beängstigend leeren und völlig mit Graffiti bedeckten historischen Zug.  Uns kommt der Gedanke, er könnte Teil des örtlichen Bahnmuseums sein.  Endlich bemerken wir auf dem dem Bahnsteig abgewandten Nachbargleis einen weiteren Zug, ähnlich historisch und bunt bemalt wie der, in dem wir warten, aber voller Menschen.  Wir hasten hinüber, zwängen uns durch sich schließende Türen und sitzen dann tatsächlich in der Vorortbahn, die uns Richtung Mittelmeer fährt.  Die Fahrgäste sind fast ausnahmslos Italiener, doch wir denken uns nichts dabei.  Vielleicht ist es noch zu früh am Tag für Touristenströme, oder vielleicht ist September einfach ein ruhiger Monat.  Leider ist beides falsch – Montag wäre die richtige Antwort gewesen.  An diesem Tag sind viele Museen Roms geschlossen, darunter auch Ostia, was wir aber erst am verschlossenen Tor erfahren.  Wir tragen es mit Fassung und fahren in die Stadt zurück, dorthin, wo wir vor drei Stunden schon einmal waren.  Mich überkommt zum ersten Mal der Gedanke, daß es manchmal vielleicht doch von Vorteil ist, den Reiseführer zu konsultieren.

Egal, der guten Laune kann dies keinen Abbruch tun.  Am Kolosseum treffen wir auf den Teil unserer Freunde, der schlauerweise keine Lust auf Ausgrabungen hatte.  Wir bummeln weiter durch Rom.  Ich bekomme die Sehenswürdigkeiten gezeigt, die ich bisher noch nicht gesehen habe, und reichlich Gelegenheit zu fotografieren.  Wie eine fette weiße Kröte sitzt das Vittorio-Emanuele-Denkmal faul auf seinem Hügel, von Google Earth zum Mittelpunkt Roms erklärt, aber ohne erkenntlichen Nährwert.  Die Spanische Treppe taucht wie auf dem Nichts auf und führt nirgendwo hin.  Vielleicht ist gerade das der Grund, daß sich jeder Rombesucher dort und auf der ganz ähnlichen Treppe zum Campidoglio mindestens fünfzehn Minuten niederlassen muß.  Der Trevibrunnen, nur wenige Fußminuten entfernt, taucht nicht nur aus dem Nichts auf, er fällt den nichtsahnenden Besucher sogar förmlich an.  Man geht, in Gedanken oder Gespräche vertieft, um eine Ecke und kollidiert ungebremst mit einer dutzendsträngigen Menschenmenge, die einen engen Innenstadtplatz komplett auszufüllen scheint.  Doch nein, über den Köpfen der Massen sind an der gegenüberliegenden Fassade wasserspeiende Marmorfiguren und barocke Schnörkeleien auszumachen.  Mit links-rechts gewuchteten Schultern ist weiteres Vorankommen gut möglich und bald das Becken erreicht, das gut drei Viertel des Platzes einnimmt.  Hier verstößt jeder belesene Tourist wissentlich gegen die Regeln und wirft ein Geldstück ins Wasser.  Dies soll die baldige Wiederkehr beschwören – und ist verboten.  Wiederum nur wenige Minuten entfernt, läßt ein von acht korinthischen Säulen getragenes Pediment einen griechischen Tempel erwarten.  Ist aber einmal der Eingang durchschritten, taucht im Halbdunkel das perfekte Rund des Pantheon auf.  Der Besuch dieses architektonischen Leckerbissens gerät aber aufgrund wilden Gedränges und durchdringenden Lärms wenig erbaulich.

Doch auch im Zentrum Roms kann man abseits ausgetretener Pfade wandeln.  An einem der vorangegangenen Tage besuchte ich, einer Laune folgend, San Nicola in Carcere, eine Kirche, die auf den Fundamenten gleich dreier republikanischer Tempel ruht, und bekam während einer halbstündigen Führung alle architektonischen Details erklärt.  Kurz darauf verlor ich mich im ehemaligen Judenviertel, das mit schmalen Gassen, beengten Plätzen und relativer Stille einen ursprünglichen Charakter ausstrahlt.  Irgendwie kam ich am Campo de' Fiori an.  Dort war zwar schon Marktschluß, aber in die vielen Handwerkstätten der anliegenden Straßen konnte man nach Belieben schauen und sich die Vergangenheit vorstellen.  So plätscherte die Zeit dahin, sanft entkoppelt vom frenetischen Tempo der Millionenstadt.

Überhaupt war es schön, sich von der Umgebung inspirieren und die Zeit einfach verstreichen zu lassen.  Aufgrund der Attraktionsdichte und der besonderen Atmosphäre läßt sich Rom praktisch ohne eigenes Zutun wunderbar erleben.  Optimal gelingt das, solange es das Wetter gut meint.  Doch irgendwann gehen alle guten Dinge und also auch mein Besuch zu Ende.  Eines Morgens sitze ich unter wolkenverhangenem Himmel im Zug zum Flughafen, komme dort im Niesel an und fliege schließlich in strömenden Regen ab.

Dezember 2006