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In München regnet es.  Seit fünf Uhr morgens hat die Temperatur um mehr als fünf Grad abgenommen, versichert mir der Fahrer des Busses, der mich zum Flugzeug bringt.  Da ich schon tief in der zweiten Halbzeit meiner nur dreißig Minuten Umsteigezeit bin, sitze ich im letzten Bus für meinen Flug.  Diesen habe ich fast für mich und damit Gelegenheit zum Schwatz mit dem Fahrpersonal, einem jovialen Bayern.  Das nette Gespräch tröstet mich nicht über die meteorologischen Unbillen hinweg, die mich mit Sorge erfüllen.  Wie soll das erst im hohen Norden aussehen.  Ich bin auf dem Weg nach Oslo.

Zwei Stunden später, ich habe kaum das erste Segment der obligatorischen Zeit gelesen, öffenen sich unter dem Fluggerät die Wolken und geben tief dunkelgrünes Meer frei, aus dem alsbald dicht bewaldete Inseln hervorscheinen.  Der Sinkflug beginnt ins baumbestandene Land, von Zivilisation ist nicht viel zu sehen.  Der Kapitän verspricht die norwegische Hauptstadt auf der linken Seite.  Ich sitze am rechten Fenster und zähle die Tannen, die gnadenlos näherkommen.  Die Sonne scheint.

Das Terminalgebäude des Osloer Flughafens ist ein Traum aus Holz und Naturstein, von Stahl und viel Glas licht umhüllt und nicht zu vergleichen mit den sonst üblichen stickigen Betonbunkern.  Nahe dem Gepäckband vertreibt mir ein orange leuchtender Automat die Zeit.  Er spricht Englisch und verkauft mir eine Fahrkarte in die Stadt.  Alsbald gesellt sich meine Tasche zu mir und zusammen verlassen wir die Ankunftshalle.  Eine Etage tiefer, bei den Gleisen, reicht die Wartezeit auf den Zug kaum aus, die Temperatur einzuschätzen.  Doch es fühlt sich kühl an.

Angekommen am Sentralbahnhof, kurz Oslo S, verläßt mich für Minuten die Orientierung.  Starrsinnig suche ich den Nordausgang, doch alle Pfeile weisen nach Westen.  Nach dem mir eigenen Zweifeln lasse ich mich doch umstimmen und trete hinaus auf den Bahnhofsvorplatz, hinein in die Vergangenheit.  Von den Jahren gebeutelte Straßenbahnen rollen auf Schienen, die sich mit der Zeit immer tiefer in die Straßen eingegraben haben, und quietschen in Kurven trommelfellzerreißend.  Asphalt liegt stückweise herum und macht den Autos die Navigation schwer.  Die Schweiz des Nordens habe ich mir anders ausgemalt.

Zumindest das Wetter entspricht den Vorstellungen.  Zwar scheint die Sonne immer noch, aber sie hängt am frühen Nachmittag schon erschreckend tief über dem Horizont und kämpft mit nur müder Kraft gegen einen dichten Wolkenvorhang, der drei Viertel des Himmels verdeckt.  Es ist kalt, der Atem kondensiert vor dem Mund.  Die geschäftig wuselnden Passanten sind winterlich eingepackt, doch nordische Schönheit läßt sich nicht so leicht unterkriegen.  Stahlblaue Augen und blondes Haar leuchten hier und da unter Vliesmützen vor.  Im Zug hatte ich mir kurz die Karte angeschaut und laufe jetzt, die momentane Irritation im Bahnhof verdrängend, dorthin, wo ich mein Hotel vermute.

Ohne mich groß umzusehen, eile ich durch die Stadt, ein paar Schritte außerhalb einer gepflegten Grünanlage einen Hügel hinauf.  Kurz darauf komme ich an, unwissend, woran ich gerade vorbeigegangen bin.  Selbst am nächsten Morgen, als ich mit offenen Augen durch den Park gehe und nicht an der Straße auf der anderen Seite der kleinen Hecke, weiß ich nicht, wem ich mich nähere.  Das dreietagige Gebäude könnte zu einer Universität gehören oder ein Museum sein.  Die schmucklose sandfarbene Fassade verrät nicht, wer hinter ihr residiert, sie bietet weder Außergewöhnliches noch Prunk, der jedoch angemessen wäre.  Denn vor den zwei kleinen Unterständen links und rechts der hohen Einfahrt, das einzige mächtige Element, gehen fellbemützte, bewaffnete Garden auf und ab, mit ausladenden mechanischen Schritten, wie um nicht fest zu frieren.  Tage später werde ich herausfinden, daß sie das königliche Schloß bewachen.

Doch am Ankunftstag erleichtere ich mich lediglich um Tasche und Computer und bin schnell wieder auf dem Weg, den ich gekommen bin, jetzt allerdings in Gegenrichtung.  Bevor der Sonnenuntergang den Tag ausläutet, möchte ich gern noch etwas genauer wissen, wo ich eigentlich bin.  Ich sehe Gaststätten, klassizistisch anmutende Universitätsgebäude und schließlich auch Wasser.  Oslo liegt zwar nicht am Meer, aber an einem mit der Nordsee verbundenen Binnenfjord und verbreitet mit Mövengeschrei, Hafenanlagen und vielen Booten entspanntes maritimes Flair.

Nirgends läßt sich das besser genießen als bei einem kurzen Spaziergang von der Stadtverwaltung hinüber zu Akerbrygge.  Ins sanfte Licht der untergehenden Sonne getaucht, zerfließt der monströse Rathausklotz fast.  Die monumentalen Ziegelwände erleuchten in rotem Gold und verlieren so ihren Schrecken.  Der Vorplatz erstreckt sich bis ans Hafenbecken, eine luftige Freifläche mitten in der Stadt.  Er ist mit modernen Skulpturen durchsetzt und läßt den Blick nicht nur über grüne Fjordinseln schweifen, sondern auch auf Ausflugsboote, geschäftige Fähren und modernde Kutter.  Zur Linken steht stoisch Akershus, die durch König Håkon V. Magnusson im 13. Jahrhundert erbaute Festung.  Doch ich gehe nach links, zu den revitalisierten Dockanlagen Akerbrygge.  Wie überall in der post-industriellen Gesellschaft wurde auch hier ein Ort ehemals harter Arbeit Konsum, Gastronomie und Entertainment umgewidmet.  Das ist meiner Ansicht nach gut gelungen.  Es bummelt sich schön.  Allerdings kann ich nicht dem Konsum frönen, da sich in meinem Portemonnaie nur Euros finden.  An einer Minibank, wie hier die Geldautomaten heißen, ziehe ich ein paar Kronen mit vielen Nullen und stapfe in die aufziehenden Nacht, der Innenstadt entgegen.

two sailboats

Olsofjord, durch moderne Kunst gesehen

Was mir auffällt, am nächsten Morgen noch stärker als jetzt am frühen Abend, sind die vielen Passanten, die mit Pappbechern in der Hand durch die Straßen laufen.  Das kannte ich bis jetzt nur aus den USA.  Dort wie hier sind solche Becher grundsätzlich mit Kaffee gefüllt.  Anderswo in Europa habe ich das noch nicht gesehen.  Aber Norwegen ist ein kaltes Land und der Kaffee ein beliebtes Getränk, das gerne mit sich geführt wird.  Irgendwie muß man sich ja warmhalten.  Aus gleichem Grund bieten die Cafés und Restaurants, die sich vom garstigen Klima nicht von Terrassen abhalten lassen, ihren Gästen Kissen, warme Decken und oft leise brummelnde gasbefeuerte Heizpilze.  So sieht man die Norweger noch bei Minusgraden bei Speis und Trank draußen sitzen.

Ich sitze lieber drin, denn die physische Härte der Wikinger habe ich nicht.  So trifft es sich gut, daß ich Stockfleth's finde, einen Coffeeshop nach amerikanischem Muster.  Die Luft ist klar, weil keiner raucht, die Tasse groß und schön warm und der Inhalt mittelmäßig.  Da das klebrige Schoko-Walnuß-Teilchen auch Erinnerungen weckt und zudem lecker ist, bleibe ich lange sitzen.  Ich finde eine Zeitung, die das Osloer Nachtleben anpreist, allerdings in mir nur fragmentarisch verständlichem Kauderwelsch.  Ohne große Motivation rätsel ein Weilchen, während ich meinen Kaffee austrinke, stehe endlich auf und gehe zurück in die Nacht.  Es ist kurz vor fünf.

Der Sonnenuntergang hat fast zwei Stunden gedauert, ein Spektakel, das umso beeindruckender ist, je malerischer die Landschaft, die von der schwindenden Sonne erst ins Abendlicht und dann in dessen blassen Widerschein getaucht wird, während der Tag langsam, kaum merklich, in Nacht übergeht.  Die Magie eines ausgedehnten Nordabends erlebte ich Tage später, als ich mich in Lillehammer von dem Zauber des Mjøsasees erwärmen lies.  Wenn mir nicht die Finger eingefroren wären und ich weiter aufs Land gekommen wäre, hätte ich sicherlich mehr stimmungsvolle Photos mit nach Hause gebracht.

Lake Møjsa

Lake Møjsa in bitterlicher Kälte

Noch bin ich aber in Oslo, im leicht überschaubaren Zentrum Norwegens Hauptstadt.  Ich kann es nicht vermeiden, daß mich mein Rundgang wieder zum Bahnhof führt.  Noch einmal schaue ich mir die davor liegenden zerrütteten Straßen mit ihren malträtierten Schienen an.  Ich fühle mich auf einen tschechischen Bahnhofsvorplatz in den späten achtziger Jahren versetzt.  Der November teilt das Grau, das den Urbanismus der sozialistischen Bruderländer so dominierte, hier mit vollen Händen aus.  Für den mangelnden Straßenbelag ist er, zugegeben nur indirekt, auch verantwortlich.  Die Mehrheit der Autos ist mit metallspitzenbesetzen Reifen unterwegs und erodiert unablässig den Asphalt.  Das ist verständlich, denn sonst würde jeder Wintereinbruch mit Schnee und Eis sofort allen Verkehr lahmlegen und die Heimfahrt aufs weite Land, wo weder gestreut noch gefräst wird, zum riskanten Abenteuer machen.

Ich laufe weiter.  Da kein Schnee liegt, ist selbst in Turnschuhen leichtes Vorankommen.  Wenige Schritte außerhalb des Zentrums gibt es viele bunte Restaurants, Taxiphonverschläge und exotische Lebensmittelläden.  Jetzt bemerke ich auch, daß die Bevölkerung keinesfalls so homogen ist, wie ich das erwartet hatte.  Es gibt zwar die Bilderbuchnorweger, rank, schlank und strahlend blond, aber auch viele Mitbürger mit offensichtlichem Migrationshintergrund.  Ich höre oft deutsche Sprachfetzen, was mich nicht über Gebühr verwundert, aber was machen Filipinos, Pakistanis und Ägypter im Dunkel der arktischen Nacht?

Norwegen hat einen Ausländeranteil von fast einem Viertel.  Gleich jedem anderen reichen Land zieht es Glücksritter und harte Arbeiter an, zu beiderseitigem Vorteil.  Warum sollte das nicht so sein?  Auch ich folge den Möglichkeiten, wo sie sich auftun.  Ich arbeite und lebe dort, wo meine Talente und Fähigkeiten geschätzt werden und wo ich mich einbringen kann, ohne übertriebene Fixation auf Land oder Kontinent.  Wer mich will und herausfordernde Projekte bietet, hat mein Interesse geweckt.  Dabei bin ich natürlich für meinen europäischen Paß dankbar, der viele Türen öffnet, mich reisen läßt und, ganz allgemein, das Leben leichter macht.

Ich bin jetzt seit einigen Stunden unterwegs, und der Hunger meldet sich.  Es ist an der Zeit, einzukehren.  Am McDonald's laufe ich ungebremst vorbei.  So geht das immer, egal, wo ich bin.  Mir steht der Sinn nach lokaler Kost, wobei mir nicht klar ist, was sich hinter diesem Begriff hier versteckt.  Fisch wahrscheinlich.  Erwartungsvoll trete ich ins Restaurant Håndverkeren ein, eine Speisestätte mit Traditionen, wie es das in einer kleinen Vitrine angeschlagene Weihnachtsmenü radebrecht.  Einmal die Türe hinter mir geschlossen, stehe ich in einem gediegenen Lokal, das Würde und Langeweile ausstrahlt.  Die Klientel ist um die sechzig, die Küche bestimmt gut-spieß-bürgerlich.  Letzteres ist genau das, was ich will.

Die Karte preist die Speisen in Englisch an.  So finde ich mich leicht zurecht.  Überhaupt ist es drollig, daß mich in Norwegen nicht einmal die Lust überkommt, die offizielle Sprache auszusprobieren.  Ich weiß nichts und komme exzellent klar.  Jeder spricht Englisch, viele auch Deutsch.  Ich mache keine Anstalten, mich zu verstellen, und frage noch nicht einmal meine Gegenüber, ob sie Englisch sprechen.  Wie der sprichwörtliche amerikanische Touristentrottel spreche ich jeden auf Englisch an, und keiner stört sich dran.  Alle antworten freundlich und sehr akzentarm.  So auch meine Serviererin.

Fisch ist auf der Karte reichlich vertreten.  Das mit Abstand teuerste Gericht ist Lutefisk, von dem ich überhaupt nichts weiß.  Auf dem Rückflug werde ich ein gewaltiges Exemplar im Gepäck haben, spontan gekauft als Mitbringsel für meine fischliebende Chefin, aber erst in Deutschland mache ich mich schlau.  Lutefisk ist das traditionelle Weihnachtsessen der Norweger.  Die Zubereitung ist keineswegs appetitanregend.  Ein Kabeljau wird erst getrocknet, dann in Lauge geworfen, bis sein Fett fast verseift ist.  Der Fisch beginnt zu quellen.  Nach einer weiteren knappen Woche in Wasser, um den pH-Wert zurück ins Neutrale zu bringen, ist er doppelt so dick wie zu dem Zeitpunkt, als er aus dem Wasser gezogen wurde, und angeblich genießbar.  So wie er bei der Chefin eines Abends aus dem Ofen kam, war er es allerdings nicht.  Rückblickend war ich froh, mich am ersten Abend nicht verlocken lassen zu haben.

Auch die anderen Fischgerichte lasse ich unbeachtet.  Was mich in den Bann zieht, und was ich schließlich auch bestelle, sind ein Walcarpaccio gefolgt von Renfilet.  Beide Gerichte wähle ich nicht aus gastronomischen Erwägungen, sondern weil sie gewöhnlich weder in Frankreich noch in Deutschland auf den Tisch kommen.  Ich erwarte geschmacklich nicht viel, vor allem von Wal habe ich wenig Gutes gehört, und doch wird das Essen als ein herausragendes in meine Erinnerung eingehen.  Selten habe ich so gut gespeist.

Das Carpaccio sind fünf Scheiben rohen Fleisches, circa drei Millimeter dick und dunkel, wie ich noch kein Fleisch gesehen habe, fast schwarz.  Am Tellerrand sorgt eine hellgrüne Dillsoße, in der orange durchscheinende Kügelchen schwimmen, für optische Auflockerung.  Mein Besteck nähert sich vorsichtig der ersten Scheibe.  Das Messer setzt an, und das Fleisch zerfällt fast von selbst.  In meinem Mund explodiert der Geschmack, intensiv und unerhört delikat.  Ich lasse jedes Stückchen kurz auf meiner Zunge sitzen, um den Wonne zu verlängern.  Die sahnige Soße und die zwischen den Zähnen platzenden Rogenkugeln sind auch geschmacklich ein perfekter Kontrast.  Ich möchte nicht, daß der Schmaus endet, und doch ist es erst die Vorspeise.

Als ich fertig bin, dauert es nicht lange, bis das Hauptgericht kommt.  Das zuerst gebrachte, gewaltige, serratierte Messer läßt mich wieder das schlimmste befürchten.  Eine ledrige Schuhsole, mit der selbst Charlie Chaplin nicht glücklich geworden wäre?  Der Teller ist voller Fleischscheiben, ähnlich dunkel wie vorher, aber wesentlich dicker und heiß dampfend.  Und wieder nähert sich das Besteck zweifelnd dem Fleisch, und wieder bin ich begeistert, förmlich von Sinnen.  Offenbar ist gut gekochtes Ren auch hauchzart und zergeht im Munde.  Und wieder ist das Gericht mit kulinarischem Sachverstand komponiert.  Der Rosenkohl in der Mitte des Tellers, an dem das Fleisch lehnt, ist bißfest und doch innen ganz zart, fast cremig.  Er harmoniert aufs Feinste mit dem Filet, während Preiselbeeren mit ihrer Säure für die nötige Substanz sorgen und dem Ganzen einen klaren Rahmen geben.  Ich esse mit Bedacht, nichts kann mich hetzen.  Ich möchte nicht, daß dieses Fest der Sinne zu Ende geht, kann es aber natürlich nicht vermeiden.  Als es soweit ist, schlage ich das Angebot von Kaffee und Dessert aus.  Perfektion kann man nicht verbessern, man sollte ihr auch nichts hinzufügen.

Beim Verlassen des Restaurants bemerke ich links und rechts auf den Stufen der kleinen Treppe überdimensionierte Teelichter, wachsgefüllte Metallnäpfe, in denen ein daumendicker Docht steckt.  Die flackernde Flamme, die jeder Windstoß vergeblich auszublasen versucht, wirft ein schummriges Licht.  Ich rede mir ein, daß hier Tran verbrannt wird, von norwegischen Fischern jährlich aus hunderten Zwergwalen geschnitten und sonst sicher nur von geringem Interesse.  Denn wem dient der Walfang wirklich?  Wie könnte man ihn ökonomisch vertreten?  Was kann sich ökologischen und ethischen Bedenken entgegenstellen?  Ich muß lachen, weil ich die Frage heute unter einem völlig neuen Licht sehe.  Wer wöllte, einmal gekostet, auf Walcarpaccio verzichten?  Noch immer verzückt laufe ich zu meinem Hotel zurück.  Bis zur Konferenz, wegen der ich gekommen bin, sind es noch ein paar Tage.

Dezember 2006