Navigation

Nach Hause

Zur Arbeit

Über mich

Auf Reisen

Radfahren

Geschreibe

Meine Fotos

Gebloggtes

Der lange Ritt nach Mailand

"Fifteen minutes to the station", ruft mir Gianpiero zu.  Er ist hektisch, dabei bin ich es, dessen Abfahrt näher rückt.  Er muß mir lediglich als Chauffeur dienen, einen Auftrag, den er sehr ernst nimmt.  Fünfzehn Minuten also noch.  Langsam wird es eng.  Ich sprinte hoch ins Büro, greife Tasche und Rucksack, und ab geht's.

Es ist Freitag nachmittag.  Vor mir liegt ein Wochenende nahe Milano, keine fünf Stunden von Grenoble.  Meine gute Freundin Chiara, die ich dereinst in Rumänien kennenlernte, wird ihrem Giovanni das Jawort geben.  Für mich Gelegenheit, mal wieder nach Italien zu fahren und ein italienisch herzliches Familienfest zu erleben.  Doch wie vor jedem Vergnügen steht auch hier erst einmal die Anstrengung, in diesem Falle die Reise.

Der erste Zug, ein Bummelzug, der den Anschluß zum TGV nach Mailand herstellen soll, läßt Kinderurlaubsnostalgie aufkommen.  Während draußen laue 30 Grad sind, herrschen im Zug mindestens 35.  Nur ein Drittel der Fenster läßt sich öffnen, im Gegensatz ist aber die ganze Klimaanlage außer Betrieb.  Eine ganz üble Schüttel, genau so wie früher.

Endlich Chambéry.  Aus- und Umsteigen.  Eine ganze Kolonne Schaffner stellt sicher, daß sich keiner der zukünftigen Fahrgäste vor Ankuft des Zuges über die dicke gelbe Linie auf dem Bahnsteig und damit zu nah ans Gleis wagt.  Sich wagen ist auch das richtige Wort, um zu beschreiben, was der Zug tut, als er ankommt.  Sehr zögerlich fährt er ein – Sicherheit geht offensichtlich vor.  Ich finde meinen Wagen und steige ein.

Der Zug ist angenehm kühl.  Welch Wohltat.  Aber das darf auch erwartet werden.  Ich sitze im Stolz der französischen Staatsbahn, dem Hochgeschwindigkeitszug TGV.  Dieser zeichnet sich dadurch aus, daß er auf wenigen auserwählten Strecken irrsinnig schnell fährt und damit seine Existenz rechtfertigt.  Auf allen anderen Strecken ist er einfach nur alt und langsam.  Ich finde meinen Platz, aufgrund obligatorischer Reservierung ein leichtes Unterfangen, aber keinen für mein Gepäck.  Der Zug ist gut voll. Trotzdem, Stauraum ist ganz klar unterdimensioniert.  Der Zug ist einem Flugzeug ähnlicher als dem ICE, kein gutes Zeichen für angenehmes Reisen.  Aber ich sitze, und der Zug bewegt sich.  Wir nähern uns Italien.

Dann kommt die Grenze.  Grenze?  Welche Grenze?  Wurde das Schengener Abkommen augehoben, gar die Europäische Union eingedampft?  Oder bin ich in den falschen Zug gestiegen und jetzt im Begriff, in Tripoli einzurollen?  Fährt die Bahn überhaupt nach Libyen?  Wie ich noch überlege, stürmt das erste Kommando den Zug und beginnt, das Gepäck zu durchsuchen und Ausweise zu kontrollieren.  Aber libysch sehen die Mannen nicht aus.  Nein, es müssen arbeitslose französische Zöllner und Grenzpolizisten sein, die uns Insassen die nächste Dreiviertelstunde terrorisieren.

Als zwei italienische Mitreisende, wohlsituierte ältere Herren, denen dies wohl häufiger widerfährt, aufbegehren, um Informationen bitten, sich nach dem Wohlergehen der EU erkundigen und die Prozedur infrage stellen, werden sie in einer Art zurechtgewiesen, die den Grenztruppen früher gut in den Verhaltenskodex gepaßt hätte.  Ich bin erschüttert.  Und verspätet.  Eine ganze Stunde.

Das änderte sich bis Mailand nicht.  Um kurz vor halb elf stehe ich also in Milano Centrale, der schon beängstigend leer und dunkel ist, und vor der Aufgabe, nach Saronno zu finden, bevor die Nacht den Verkehr zum Erliegen bringt.  Ich bin vorsichtig optimistisch und leicht panisch.  Die erste Viertelstunde verbringe ich damit, ohne klaren Gedanken mehrere Male den Bahnhof zu durchmessen.

Schließlich finde ich die Metro.  Eine Barriere verwehrt mir Eintritt.  Ich brauche einen Fahrschein.  Die großen gelben Automaten kommunizieren in vier Sprachen, aber für mich völlig sinnleer.  Ich drücke silberne Knöpfe, bis ein Preis angezeigt wird, der mir angemessen erscheint, tausche Metallstückchen gegen ein Pappquadrat und bin unterwegs.  Der nächste Umsteigebahnhof, von dem ich dank Chiara weiß, ist noch dunkler als der erste, aber mein Hirn hellt sich auf.  Die Nordbahn ist mein Ziel, die Schilder sind offensichtlich und überall.  Ein letzter Zug geht diese Nacht noch.  Abfahrt – jetzt.  Ich renne, finde das Gleis.  Lämpchen blinken Achtung gebietend, ein Zug steht noch da.  Er ist dunkel.  Was mag "1/2" bedeuten?  Weit hinten auf dem Bahnsteig glaube ich, Leben ausmachen zu können.

Ich beschleunige.  Noch kein Pfiff, oder?  Da ist in der Tat noch jemand, die ersten beiden Wagen sind erleuchtet.  Außer Atem erreiche ich den Zug und steige ein.  Die Türen schließen sich.  Wir setzen uns in Bewegung – keinen Moment zu früh.  Der Schaffner, dem ich das zu verdanken habe, spricht Englisch und verkauft mir ein Ticket.  Ohne Halt geht es nach Saronno, wo ich mit nur noch 20 Minuten Verspätung eintreffe.  Luca hat die Suche nach mir noch nicht aufgegeben.  Die Party kann beginnen.

05. September 2005