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Aufstieg zum Luitel

Die Tour findet immer noch statt.  Ich werde wieder faul vor meinem Fernseher liegen und zuschauen, vielleicht bißchen Kekse futtern und Wein trinken.  Damit ich mich dabei nicht zu schlecht fühle, bin ich heute zeitig aufgestanden und werde eine kleine Runde um Grenoble drehen.

Es geht zu einer Uhrzeit los, die ich gerne, aber reichlich inakkurat, als vor dem Morgengrauen bezeichne.  Noch steht die Sonne nicht zu hoch, und ihre Strahlen machen muskelgetriebene Fortbewegung noch nicht völlig zur Qual.  Ich setze mich auf mein Rad und rolle Richtung Eybens.  Kaum habe ich die Stadt verlassen, wärmt mir der erste kleine Hügel die Beine, die sich nach dem gestrigen 140km Ritt noch etwas müde und unausgeschlafen anfühlen.  Ab Champs geht es eine Weile schattig am Drac entlang, bevor mich ein langer, aber sehr gemächlicher Anstieg weit über den aufgestauten Fluß trägt.  Nach 25 Kilometern wachen meine Beine auf und im grünen Bereich erreiche ich Monteynard und damit das Ende des Anstieges.

Gestern fuhr ich hier schnurstracks auf breiter Straße geradeaus nach La Mure.  Heute will ich das nicht.  Der Stausee des Drac ist zu verlockend.  Ich stürze mich zur ersten Bucht herunter und hoffe, daß das nicht so weitergeht.  Auf der Karte war von schweißtreibendem Rauf und Runter nicht die Rede.

Die Karte hatte recht, nach kurzem Klettern aus der Senke onduliert die Straße gemächlich hoch über dem Wasser entlang.  Der Stausee ist der absolute Wahnsinn, eingerahmt von hohen Klippen ein Wasserparadies.  Das Wasser hat zwar die gleiche graugrüne Farbe eines Steaks, das jemand auf halbem Weg zwischen Kühlschrank und Grill aus den Augen verloren hat, aber auch eine erstaunliche Klarheit und verlockende Frische.  Es scheint von innen zu leuchten.  Die Gegend ist ruhig, ich sehe wenige Menschen und kaum ein Auto.  Nur selten fahre ich durch eine Anhäufung von einem halben Dutzend Häusern, im Jargon Village genannt.

Das ist alles sehr idyllisch, schafft es aber nicht, mich einzuschläfern.  Ich muß weitertreten, denn ich will wieder zu Hause sein, bevor die Etappe zu Ende ist.  So erreiche ich La Mure und bin, eh ich es mich versehe, schon wieder am anderen Ende aus der Stadt heraus.  Wenige Minuten später kommt die Abzweigung, an der ich gestern nach rechts fuhr und mich völlig überraschend 32km später auf dem Col d'Ornon wiederfand.  Völlig überraschend, weil ich erstens den Paß nicht geplant hatte und zweitens die Anfahrt gar nicht nach Paß aussah.  Die Steigung hätten Helga und Wilfried auf ihren schweren schwarzen Hollandrädern auch noch geschafft.  Der rechter Col für unbescholtene Alpennovizen.

Danach steht mir heute nicht der Sinn.  Über die Cols de Malissol und de la Morte will ich mich für den Luitel warmfahren.  Auch diese Straße erschien mir von der Karte her allerhöchstens ein bißchen wellig, keinesfalls aber steil oder ungebührlich anstrengend.  Wie man sich täuschen kann.  Der erste Col ist zwar nur kurz, aber so steil, wie es sich für einen Alpenpaß gehört, und zwingt mich in Gänge, die ich mir für später aufheben wollte.  Der zweite ist wesentlich länger und nicht minder anstrengend.  Mittlerweile steht die Sonne im Zenit und läßt ihre Strahlen unbarmherzig auf mich niederprasseln.  Am Himmel nicht eine Wolke, und kein Baum spendet mir Schatten.  Zum Glück aber jedes Dorf Wasser.  Mindestens einen Brunnen mit frischem Quellwasser gibt es immer.  Ich nehme die Gelegenheit oft wahr.

Vom Col de la Morte, zu Füßen der Skistation L'Alpe du Grand Serre, geht es fast 14km stetig und steil bergab.  Je näher ich dem Tal komme, desto brutaler wir die Nachmittagshitze.  Gegen Ende der Abfahrt will ich mein Trikot aufreißen, um mir Abkühlung zu verschaffen, doch es flattert mir schon die ganze Zeit um die Ohren.  Der Reißverschluß hat nichts zu halten.

Ich erreiche das Tal der Romanche.  Mit dem Col de Luitel beginnt der Ernst des Tages.  So wie man den Ornon als Einsteigerpaß bezeichnen kann, ist der Luitel nur für Fortgeschrittene oder Vorgeschädigte geeignet.  Manche nennen ihn den schwersten Paß der Gegend.  Es sind zwar nur 900 Höhenmeter zu überwinden, aber die Steigung beträgt im Durchschnitt 8.6%, und der Straßenbelag ist rudimentär.  Kein Zuckerschlecken.  Ich habe nun schon über 100km in den Beinen und bin mir nicht sicher, was mich genau erwartet.

Die Paßfahrt ist ganz erstaunlich.  Die Steigung weicht nie stark von Durchschnitt ab, es geht immer gnadenlos steil bergan.  Es gibt keine Flachstücken zum Ausruhen und kaum Kurven, die für Abwechslung sorgen.  Meist geht es geradeaus den Berg hoch.  Nach nur einem Kilometer rinnt mir der Schweiß aus allen Poren, als wäre ich die Bewässerungsanlage einer holländischen Tomatenzuchtfabrik.  Immer wieder rutschen meine nassen Handschuhe vom Lenker ab.  Natürlich ist auch an diesem Berg das von der modernen Physik immer noch unerklärte Phänomen zu beobachten, daß die Gravitation umso stärker wird, je weiter man sich vom Tal entfernt.  Das Treten wird immer schwerer.  Ich bin am Ende.

Der Berg ist nahe dran, mich abzuschütteln, mich zu vernichten, mich ins Tal zurückzuwerfen.  Ich versuche noch, mich zu wehren, ich diskutiere, werfe ihm Beleidigungen entgegen, doch viel habe ich nicht entgegenzusetzen.  Der Luitel, die alte Sau, gewinnt die Oberhand.  Er hat mir die Kraft aus den Beinen gesogen, und ich bin noch nicht einmal halb oben.  Ich muß im Anstieg innehalten, muß Pausen machen, insgesamt fünf.  Fünfmal setze ich mich an den Straßenrand, um zu trinken, meinen letzten halben Clif bar zu essen oder einfach nur selbstmitleidvoll zu weinen.  Hilft aber alles nichts.  Ich will hoch, ich muß treten, ich muß weiter.  Was mich letztendlich rettet, ist neben meinem Starrsinn das 26er Ritzel, daß erst seit wenigen Tagen meinen alten Klepper schmückt.  Müde sitze ich auf meinem Rad, jede Pedalumdrehung ist ein Projekt.  Im 23er könnte ich die Steigung nicht im Sitzen meistern, und für Wiegetritt fehlt mir schlicht die Kraft.

Lac Luitel befindet sich nahe der Paßhöhe, doch die Wanderschilder am Straßenrand, die zu lesen ich bei meiner Geschwindigkeit alle Zeit der Welt habe, sind nicht ermutigend.  Die Zahlen werden einfach nicht kleiner, wie auch auf meinem Tacho die Entfernung wie eingemeiselt stehen bleibt.  Nur die Straße steigt weiterhin gnadenlos an.

Noch immer bin ich im Wald, noch immer geht die Straße ohne viele Kurven steil nach oben.  Doch ich ahne, daß das Ende nahe ist.  Himmelblau schimmert Hoffnung inmitten des Grüns der mich umgebenden Bäume.  Plötzlich geht alles ganz schnell.  Die Steigung läßt abrupt nach, ich fahre an Hinweisschildern zum See und einem Parkplatz vorbei.  Als ich schon seit einem halben Kilometer über eine Hochebene rolle, endlich auch offiziell der Paß, so völlig unspektakulär und gewöhnlich wie der Anstieg gewaltig und außerordentlich war.

Wenige Augenblicke später stoße ich auf die Straße nach Chamrousse.  In meinem gegenwärtigen Jammerzustand verkneife ich mir die zusätzlichen 500 Höhenmeter ins Schigebiet, obwohl der Anstieg sehr viel angenehmer als der Luitel ist.  Ich will nur noch runter.  Mit der Motivation einer rasanten Abfahrt jage ich die 20km nach Grenoble und schleppe mich dann dem KO nahe die letzten fünf Kilometer durch die Stadt zu meiner Wohnung.  Halluzinationen füllen meinen Kopf und verdrängen Schmerz und Qual.  Oh Isostar, oh Gnocchi, oh Sessel, Fernbedienung, Tour de France, ich bin gleich da.  Der faule Nachmittag ist so nah.

im Juli 2005