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Nennen wir die Fahrt ein Symphonie, eine harmonische Abfolge einzelner Sätze, die alle perfekt zueinander paßten.  Das Werk eines großen Ästheten, ja eines Künstlers, allerdings eines recht makaberen.  Hatte der Geist, der stets verneint, seine Finger im Spiel?  So erschien es mir.  Fast nichts funktionierte so, wie es sollte.  Verspätungen, Umleitungen, Fehlinformationen und Ausfälle lösten einander fließend ab, so daß keine schroffen Übergange das Gesamtbild störten.

Es fängt schon an, bevor die Bahn überhaupt Gelegenheit zu Verfehlungen hat.  Fünf Uhr morgens schrillt der Wecker.  Bis zur Abfahrt habe ich so noch genügend Zeit für ausgiebige philosophische Überlegungen zum Zustand der Welt – Zeit, die ich doch lieber in erholsamen Schlaf investiert hätte.  Erst um halb sieben soll mein Zug nach Hamburg gehen.

Pünktlich stehen René und ich am Gleis.  Wer auf sich warten läßt, ist der Zugführer samt Arbeitsgerät.  Aus durchgesagten "wenigen Minuten" Verspätung werden "fünf Minuten" als die Uhr längst auf zehn zugeht.  Ich habe neun Minuten Aufenthalt in Altona – noch kein Grund zur Panik.  Da kommt endlich der Zug und elf Minuten verspätet rollen wir in den noch jungen Morgen.  Sorgen mache ich mir da noch keine.  Die Zottelbahn wird doch wohl in 90 Minuten derer zehn aufholen können.  So denkt auch der Schaffner und entläd just in dem Moment seinen Optimismus über mir, als der Zug auf freiem Feld zu stehen kommt.  Durchsage:  "Technisches Problem an einem Bahnübergang – die Weiterfahrt verzögert sich", wiederum "um wenige Minuten".  Das läßt Raum für Spekulation und Schlimmstes befürchten.  Nichts Ernstes, beantwortet aber im selben Moment der Zug meine bange Fragen, indem er schon weiterruckelt.  In Hamburg sind wir fünf Minuten später, als es der Fahrplan der Bahn versprach, aber vier Minuten früher, als es meiner verlangt.

Frohen Mutes schlappe ich zum ICE, doch als ich meinen Platz finde, dreht sich meine Stimmung.  Dieselbe eingezwängte Ecke, die ich schon auf der Hinfahrt erleiden mußte.  Aus 80 Sitzen im Wagen den mit Abstand schlechtesten.  Links das Fenster, rechts eine Trennwand – so nah, daß sie sich an mich zu lehnen scheint und nicht umgekehrt – und vor mir die Kniee des Gegenüber zwischen meinen.  Ist das der Preis, den ich für die kostenlose Zustellung der Fahrkarten bezahlen muß?  Dessen bin ich nicht willig, und da der Zug in Altona eingesetzt wird, finde ich schnell einen schönen, nicht reservierten Gangplatz.  Basel kann kommen.

Erstmal kommt jedoch eine weitere Durchsage.  "Wegen eines Personenschadens muß der ICE zwischen Hamburg und Hannover umgeleitet werden.  Die Ankunft in Hannover wird sich um voraussichtlich 15 bis 20 Minuten verzögern…"  Gut, in Basel habe ich nur zehn Minuten Umsteigezeit, aber die Schweiz ist noch weit.  In Hannover ist der Zug 25 Minuten verspätet.  Im Vertrauen auf die Bahn lehne ich mich zurück und schmökere in meiner c't.  So vergeht die Zeit.  In Frankfurt ist die Verspätung auf 30 Minuten angewachsen, aber die Bahn entschuldigt sich.  Feine Sache.

Draußen sieht es immer sommerlicher aus, wir lassen den kalten Norden hinter uns und rollen dem anderen Ende Deutschlands entgegen. Für die Bahn wird es höchste Zeit, verlorene Zeit gutzumachen, doch bis zum Schluß vermisse ich jeglichen Kampfgeist.  Es wird leer im Zug, mehr und mehr Mitreisende steigen aus.  Was bleibt, ist die Verspätung.  Freiburg im Breisgau – 32 Minuten.  Ditto Basel Badischer Bahnhof.  Eine nicht schließen wollende Einstiegstür und nicht näher beschriebene technische Probleme versetzen der Bahn die letzten Schläge und führen zum Endergebnis.  Verspätung 50 – Bahn 0.  Ein Sieg, der auch in der Höhe voll in Ordnung geht.  Nur ich kann mich nicht so recht freuen.

Ein Magnum tröstet mich dann aber über das Schlimmste hinweg.  Schon stehe ich im Reisezentrum.  Auf dem Fahrplan habe ich keinen Zug nach Genf gesehen, aber der Zauberer der SBB heißt mich in Biel umsteigen, und fast würde ich rechtzeitig in Genf ankommen.  Umsteigezeit minus eine Minute – eigentlich machbar.  Ein weiteres kleines bißchen Verspätung an der richtigen Stelle, nämlich bei der französischen Bahn, und alles wäre wieder im Lot.  So, wie es bisher lief, scheint das nicht mal unwahrscheinlich.

Die Verspätung kommt dann auch, allerdings nicht bei den verträumten Franzosen, sondern bei den korrekten Schweizern.  In Biel wird eine Verspätung des Zuges nach Genf von "ungefähr 14 Minuten" vorausgesagt.  Meiner Ansicht nach paßt zu "ungefähr" ja besser "eine viertel Stunde", aber ich bin kein Schweizer.  20 Minuten später kommt der Zug und für mich die Einsicht, daß ich eine pünktliche Ankunft in Genf und damit in Grenoble vergessen kann.  Was ich aber verpassen würde, war nicht irgendeiner, sondern der letzte direkte Zug nach Grenoble.

Endlich in Genf angekommen, gehe ich zu Plan B über, ausgetüftelt von oben erwähntem Basler Bahnzauberer.  Ein Bummelzug wird mich nach Lyon bringen, dort zehn Minuten Aufenthalt und dann nach Mitternacht nach Grenoble.  Wie alles bisher klingt auch das ganz einfach.

Nach einem hastigen Cappuccino stehe ich zur angegebenen Zeit am Gleis.  Und wieder kommt eine unheilvolle Durchsage.  Der Nachtzug nach Bordeaux und Quimper wird mit einer Viertelstunde Verspätung erwartet.  Das hatten wir doch heute schon einmal, oder?  Doch der Kaffee hat noch nicht angeschlagen, und ich bin zu müde, um mit etwas anderem als einem resignierten Kopfschütteln zu reagieren.  Und wieso Bordeaux?  Egal, Hauptsache weiter.  Der Zug rollt ein, recht gut erhaltenes Vorkriegsmaterial.  Leider funktioniert im einzigen Nicht-Schlafwagen die Klimaanlage nicht, was aufgrund hochsommerlicher Temperaturen selbst bei völliger Bewegungslosigkeit zu permanentem Schweißfluß führt.  Doch wie fast alles Grausiges hat auch die rollende Sauna ihre gute Seite.  Der Schaffner fürchtet die Hitze sehr und läßt sich nicht blicken.  So entgehe ich einer potentiell langwierigen Diskussion über eine Fahrpreisnachzahlung.  Schließlich habe ich den Ausflug nach Lyon nicht auf meinem Ticket stehen.

Der Zug setzt sich in Bewegung.  Drin wie draußen sieht er aus wie Ferienzüge meiner Kindheitserinnerungen, aber anstelle gemächlich loszuzuckeln, gibt er richtig Gas.  Wir bewegen uns druckvoll durch die savoyardische Berglandschaft und fliegen dann über plattes Land.  Dieses verschwindet zu meiner Überraschung schon bald unter einem weitläufigen Häuser- und Lichtermeer.  Diese große Stadt kann eigentlich nur Lyon sein, sonst ist da nichts.  In dem Falle wären wir aber über eine halbe Stunde zu früh.  Es ist in der Tat Lyon, aber noch hat die Bahn ihren letzten Trumpf nicht ausgespielt.  Noch bin ich nicht da.

Mein Umsteigebahnhof, Lyon Part-Dieu, wird, ohne die Geschwindigkeit merklich zu drosseln, kaltschnäuzig durchfahren.  Ich bin nicht der einzige, der entsetzt aus dem Fenster schaut.  Während ich noch versuche, mich mit dem Gedanken anzufreunden, den Dienstag am Atlantik zu verbringen, kommt der Zug im zweiten Lyoner Bahnhof, Perrache, zu stehen.  Ich werde in ein völlig menschenleeres, dunkles Bahnhofsgebäude entlassen und erfahre, daß ich soeben dem letzten Zug des Tages entstiegen bin.  Die nächste Verbindung nach Grenoble geht morgens um halb sechs.

Die einzige Hoffnung, die ich jetzt noch habe, ist der Basler Papierschieber.  Ich glaube ihm, daß in 40 Minuten mein Zug in Part-Dieu abfahren wird.  Also setze ich mich in ein Taxi und lasse mich auf die andere Rhôneseite schaukeln.  Sechzehn Minuten später und ebenso viele Euro ärmer betrete ich einen Bahnhof, der ähnlich verweist wirkt wie der, den ich gerade verlassen habe.  Bedeutsamer Unterschied:  Es fahren noch Züge.  Einer sogar so, wie es mein Ausdruck aus Basel verheißt.

Kurz vor elf sitze ich im Zug nach Grenoble.  Der letzte Abschnitt meiner Reise hat begonnen.  Jetzt kann ich mich nicht vorstellen, was noch schiefgehen soll.  Ich bringe in aller Ruhe meine Gedanken zu Papier und komme zehn Minuten nach Mitternacht an.  Bei 28 Grad trotte ich nach Hause und liege um halb eins im Bett.  Was für ein Tag.

27. Juni 2005