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Familienausflug nach Idaho

Der Versuch einer Schönschwafelung, der Versuch, den Bundesstaat Idaho mit vielen Worten schön zu reden.  So könnten die folgenden Zeilen böswillig mißgedeutet werden, und solcher Anschuldigungen müßte ich mich sicher erwehren, wenn Amerikaner dies läsen.  Denn unter den 50 Bundesstaaten der USA hat wohl nur Utah (wegen seiner meist zu negativ gesehenen Mormonenplage) einen schlechteren Ruf als Idaho, das sich auf immer seines offiziellen Autonummernschildes schämen muß, welches als Beweis der Dummbäuerlichkeit stolz "Famous Potatoes" bewirbt.  Damit werden keine Touristen hinter dem Ofen vorgeholt.  Gibt es aber in Idaho nichts Besseres?  Dieser Frage wollten wir nachgehen, als mich meine Mutter und Schwester in Salt Lake City besuchten.

Um es vorweg zu nehmen:  Es gibt durchaus Besseres, auch Nummernschildwertes.  Mit Anspielung auf das Utaher könnte Idaho auf "Greatest Whitewater on Earth" verweisen und würde dabei nicht viel übertreiben.  Wir waren aber nicht aufs Kajaken scharf, sondern auf geruhsame Erholung in der erhofften Kühle Idahoer Wälder, denn in Utah waren es mal wieder bruzelwarme 40 Grad.

Natur und Provinz

Also zogen wir los.  Das erste Ziel war Bear Lake, ein an sich wunderschön in den Bergen gelegener See.  Die Farbe und die Wälder sind erste Sahne.  Leider wird der gute Eindruck von zwei Faktoren getrübt:  Zum ersten saugt die in Idaho und Utah extensiv betriebene Landwirtschaft langsam aber sicher den See leer.  Das originale Ufer ist schon mehrere hundert Meter von der Wasserlinie entfernt.  Zum zweiten sind zu viele Knaller mit ihren Motorboten und Jetskis unterwegs und knattern die idyllische Stille kaputt.  Außerdem sind die zum Motorboottransport nötigen Vehikel direkt am Wasser geparkt und verleiden so manche potentielle Badefreude.  Wir kühlten uns nur schnell die Füße, tranken eines der berühmten Milchmixgetränke (angerührt mit lokalen Beeren) und fuhren weiter.

Mitten durch den See verläuft die Grenze zwischen Idaho und Utah.  Kurz dahinter liegt die Minnetonka Höhle, welche wir als nächstes ansteuerten.  Da am Eingang noch Gluthitze herrschte, konnten wir dem Hinweisschild auf arktische Temperaturen unter Tage nicht den nötigen Ernst abgewinnen und froren die folgenden 45 Minuten in Nicki und Sandalen.  Gefallen hat es uns trotzdem.  Die Höhle kann sich zwar in Hinblick auf Schönheit wie schon Carlsbad Caverns nicht mit Thüringer Höhlen messen, ist aber erstaunlich groß, hat so einige interessante Details und, wie die meisten Touristenziele in Amerika, äußerst kompetente und unterhaltsame Führer.

Aus tiefer Kälte wieder emporgestiegen, fuhren wir durch das Bear Lake National Wildlife Refuge, aus dem sich leider an diesem späten Nachmittag jegliches wilde Leben in den Schatten umliegender Wälder verkrochen hatte, und von dort nach Soda Springs.  Dieser Ort ist der totale Witz, aber für das Verständnis von Amerika äußerst aufschlußreich.  Der Name ist Schall und Rauch.  Hauptattraktion ist ein künstlicher Geysir.  1930 wollte irgendein Unternehmer der Stadt Touristen- und seiner Brieftasche Dollarströme verschaffen und bohrte nach einer heißen Quelle.  Völlig planlos mitten in der Innenstadt.  Die Sache ging natürlich nach hinten los, als plötzlich eine unter Druck stehende Wasserblase angebohrt wurde und sich hundertgallonenweise mineralisches Naß über umstehende Häuser, die sich bald verfärbten, ergoß.  Da die Katastrophe in Amerika stattfand, wurde aus der Not schnell eine Tugend.  Der Fontäne wurde ein Deckel aufgesetzt, der sich per Zeitschaltuhr einmal pro Stunde öffnet und zur Erquickung der Dorfjugend einen mächtigen Wasserstrahl freiläßt.  Laut Prospekt der einzige künstliche Geysir der Welt, und wer wollte das bezweifeln.

Dazu kommt eine beeindruckende Provinzialität.  Breite Straßen, viele kleine, manchmal armselige Geschäfte, Motels und Schänken, viel Platz und wenig Leute.  Dem Europäer scheint jegliches Gewerbe aufgrund von Umsatzschwäche dem Verderb preisgegeben, aber irgendwie funzt doch alles.  Wir haben mit im Dorfladen erworbener Verpflegung unseren Teil geleistet und sind dann zu einem nahegelegenen Zeltplatz gefahren.  Dort kostete es nichts, und es war auch nichts und niemand da.  Es gab eine Toilette, aber keine Dusche oder fließend Wasser.  Der Blackfootstausee hatte sich weiter zurückgezogen, als einem Abendbad zuträglich gewesen wäre.  Einsame Bootsstege steckten ihre zahllosen Holzbeine in grüne Wiesen.  Wir sind ungewaschen in unsere Schlafsäcke gekrochen.  Den Elch am See hat es nicht gestört.

Lava und Mondkrater

Nahe Soda Springs liegt Lava Hot Springs, ein noch verlockenderer Name.  Wir sind den Ort durchwandert und haben auch ein Freibad und, den Namensgeber, ein Thermalbad gefunden.  Es war aber total tote Hose, was an einem Dienstag kurz nach zehn vielleicht nicht verwundern sollte.  Also fuhren wir weiter und erreichten bald die I-15.  Von dort ging es nach Norden durch Pocatello nach Blackfoot, wo wir richtung Arco auf eine Landstraße abbogen, welche schnurgerade durch die Einöde führte.  Lediglich ein Karibou störte meinen Schlummer, als es mir starrköpfig und wagehalsig vors Auto sprang und sogleich auf dem Gelände des Idaho National Engineering Laboratory verschwand.  Dort werkelte dereinst der welterste kommerzielle Atomreaktor, der Arco mit Strom belieferte und bis heute Stolz der Stadt ist.  Kurz hinter Arco erreichten wir endlich unser Tagesziel, das Craters of the Moon National Monument, ein riesiges Gelände dick bedeckt mit Lava in allen nur erdenklichen Formen und Schwarzschattierungen.

Wir verbrachten über drei Stunden damit zu staunen und zu wandern.  Es gab große, erloschene Vulkankegel, aber auch einen ganz kleinen mit Schnee drin.  Untertage kraxelten wir durch eine Lavaröhre, ein Phänomen, das uns in den nächsten Tagen noch des öfteren begegnen sollte.  Nicht umsonst sind zwei Drittel der Fläche Idahos mit Lava bedeckt.  Dies ist natürlich zusammen mit aridem Hochlandklima der Landwirtschaft nicht zuträglich.  Aber offenbar auch nicht abträglich—wohin man blickt, sieht man Felder und Weiden.  Alles wird durch kontinuierliche Bewässerung (massive Wasserverdampfung??) am Leben gehalten, auch die wenigen armseligen Kühe.

Der Besuch im Vulkanpark zog sich länger hin als gedacht.  Also mußten wir in Arco Quartier nehmen.  Viel gibt es in dem Ort nicht.  Ein nettes Motel fanden wir wie zufällig, und Abendbrot gab's bei Grandpa's Barbecue.  Lecker, aber wohl nicht die beste Idee für die wenig fleischbegeisterte Schwester.  Am Rathaus, weithin sichtbar, ein grellbuntes Schild, das der Geschichte und dem Atomstrom huldigt.

Der wilde Westen

Nachdem der vorherige Tag in Hinblick auf das Wetter nicht das gehalten hatte, was wir uns von ihm versprochen hatten—in Lavaschwärze hatten wir uns gehörig durchgeschwitzt—wollten wir nun weiter in den Norden in Hoffnung auf kühlere Gefilde.  So fuhren wir, vorbei an mächtigen Ketten, aus denen auch der höchste Berg Idahos herausragte.  Je weiter wir kamen, desto unwirtlicher wurde die Landschaft.  Die Entfernung zwischen den einzelnen Farmen wurde immer größer, und Dörfer gab es bald überhaupt nicht mehr.  Daß es kühler wurde, war nicht bemerkbar.  Trockner wurde es aber, und das ist erstaunlich, weil schon der Süden Idahos nicht durch Oberflächenwasser oder Regenreichtum beeindruckt.  Daß es dort trotzdem ziemlich grün aussieht, liegt an extensiver Bewässerung, die durch unter der Lava verlaufende Aquifere ermöglicht wird.  Hier, rechts und links der Straße, sah es trostlos aus.  Braune Wiesen, Bäume, die durch Abwesenheit zu beeindrucken wußten, und ausgezehrte Stauseen.  Nur in der direkten Uferregion des Big Lost River gab es überhaupt etwas Grünes zu sehen.

So kamen wir im Regionalknotenpunkt Challis an, wo es außer einem ganz netten historischen Museum mit Besucherzentrum nicht viel zu sehen gab, und machten uns auf den beschwerlichen Weg des 'Custer Motorway'.  Nun ja, allzu beschwerlich ist es dieser Tage natürlich nicht, wenn man sich von einem komfortablen Auto herumfahren (wenn auch gehörig herumschütteln) läßt.  Aber dereinst, um 1870, als diese Holperstraße über zwei Bergpässe eröffnet wurde, muß die halbtägige Reise nach den Goldstädten Custer und Bonanza eine rechte Tortur gewesen sein.  Vielleicht haben aber vor allem die Bergleute sie gar nicht als solche empfunden, da das tägliche Leben sich nicht mit dem heutigen vergleichen läßt.  In den Geisterstädten ließ sich das leicht nachvollziehen.

Eine staubige Straße ist von vielen kleinen Häusern gesäumt, die meist nur ein Zimmer enthalten.  Die Arbeit in den Minen ist kein Zuckerschlecken, dunkel, schmutzig und gefährlich.  Gefährlich ist auch das Leben in den Bergdörfern, in denen sich allerlei dunkle Gestalten herumtreiben und auf die im Winter aufgrund der wegen des Holzhungers der Bergbauoperationen kahlgerodeten steilen Hänge oft mächtige Lawinen niedergehen.  Ablenkung und Zerstreuung gibt es nicht viel, ein paar heruntergekommene Saloons und ein Freudenmädchen hier und da.  Was die Meisten zum Weitermachen treibt, ist die Verlockung des Goldes, eine Hoffnung, die aber nur für die Wenigsten dauerhaft wahr wird.

In Custer angekommen, ließen wir diese Eindrücke auf uns wirken, während wir umherschlenderten und uns die vielen alten Gebäude und später den Friedhof in Bonanza anschauten.  Viel zu spät fuhren wir weiter.  Ursprünglich wollten wir bis nach Sun Valley, aber das erschien in Angesicht der niedrig stehenden Sonne ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen.  Wir begaben uns auf die Suche nach einem Nachtquartier.  Das tief eingeschnittene Tal des Salmon River bot einen beeindruckenden Kontrast selbst noch zu Custer, wo es schöner hätte sein können, wären nicht die meisten Bäume Rodungen zum Opfer gefallen.  Zwischen Custer und Stanley, wo wir jetzt fuhren, war der Druck durch den Bergbau wohl geringer.  Außerdem sind die Talwände zu steil zum Holzfällen.  Alles ist dicht bestanden, wirklich wunderschön.  Zudem gab es reichlich Zeltplätze am Wasser; wir hätten jederzeit anhalten können.  Daß wir das noch nicht taten, lag an der Straße, aus deren Geräuschumkreis sich der Fluß nie entfernte.  So kamen wir nach Stanley, diesem Mekka der Wildwasser- und Wanderenthusiasten.

Es war faszinierend, wie sich innerhalb kurzer Zeit, wahrlich nur weniger Autominuten, die ruppige Schlucht in eine weite grüne Ebene verwandelte, aus der in gar nicht so weiter Ferne die gezackte Gipfelkette der Sawtooth Mountains herausragte.  Die Region ist Legende.  Die Berge sind von unzähligen kleineren und größeren Seen durchsetzt, und in der Ebene bieten viele Flüsse und Seitenarme Gelegenheit zum Fischen und vor allen Dingen Wassersport jeglicher Art, vom gemütlichen Dahinpaddeln bis zum Kampf mit gefährlichen Stromschnellen.  Ein großer Teil ist Wilderness Area, wo per Gesetz jegliche Art motorisierter Erholung verboten ist.  Demnach gibt es stille erhohlsame Seen, Wanderwege, die nicht von ATVs aufgewühlt sind, und fast unberührte Natur, wohin das Auge schaut.

Doch auch in Stanley fanden wir keine Unterkunft, die uns zusagte, und so fuhren wir weiter in die untergehende Sonne.  Wie durch Zufall kamen wir zum Red Fish Lake, wo wir trotz naseweiser 'Alles voll' Schilder ein Plätzchen für unser Zelt fanden.  Der See liegt malerisch vor der eindrucksvollen Kulisse der Sawtooth Mountains.  Regina und Mutti nutzten ihn sogleich zum Erfrischen und waren hernach gar nicht wieder herauszubewegen.  So klar, so schön, so sauber.  In der Tat konnte man im Wasser bis auf tiefen Grund blicken und auf feinen Kieseln an Land gehen, ohne sich mit Sediment die Füße zu beschmutzen.

Städtisches

Am nächsten Morgen merkten wir endlich, daß wir uns in der Tat weit von Salt Lake nach Norden begeben hatten, und dazu noch in die Berge.  Der Tag begann empfindsam kühl.  Nach Wochen über 35 Grad schmerzt eine Nacht um die fünf umso mehr.  Da wir wußten, daß es wieder wärmer werden würde, kümmerten wir uns aber nicht all zu sehr.  Der vergangene Abend hatte eine Planänderung gebracht.  Wir wollten, weil es einfach so schön war, anstatt nach Sun Valley runterzufahren, weiter im Norden bleiben und richtung Westen driften.  Dieser noch junge Plan wurden brutal durchkreuzt, als wir im Besucherzentrum erfuhren, daß aufgrund eines Waldbrandes die einzige Straße nach Westen gesperrt war.  Mit so etwas muß man in ariden Gegenden, zumal in einem trocknen Sommer, immer rechnen.

Unsere gute Laune war schnell wieder hergestellt, als wir den kleinen Naturpfad am See und dem sich in ihn entleerenden Bach unternahmen.  Es war einfach zu hübsch.  Im Flüßchen standen die Lachse, nach derer Färbung zur Laichzeit der See ursprünglich benannt wurde, und die schroffen Felsgipfel im Hintergrund wurden von der Morgensonne gold bemalt.

Mit Poesie im Herzen stiegen wir ins Auto und fuhren über den Galena Summit nach Sun Valley, einem modernen, zur Zeit recht hippen Schigebiet, das viel vom Charme vergangener Tage bewahrt hat.  In den 1930ern wurde die Gegend von der Union Pacific Eisenbahngesellschaft entwickelt, die sich dadurch einen Umsatzschwung versprach.  Ein österreichischer Graf gestaltet das Örtchen Ketchum nach Vorbildern aus seiner Heimat, der erste Sessellift Amerikas wurde installiert, und UP offerierte kombinierte Bahn/Schireisen von San Francisco.  Das ging eine Weile gut, die Geschäfte liefen prächtig, angesehene Abfahrtsrennen wurden veranstaltet, und der Geldadel gab sich in feinen Hotels die Klinke in die Hand.  Irgendwann kam Ernest Hemingway vorbei, fuhr Schi, trank Whisky, erlegte Hirsche und Schneehühner und zuletzt sich selbst.  Heute liegt er in der Stadt begraben.  In den 50ern war der Glanz dann fast verblichen, und die Stadt dümpelte mißmutig vor sich hin, aber seit den 90ern wurde viel zur Aufwertung des Gebietes getan.  Jetzt wimmelt es ganzjährig von Touristen, die sommers vor allem von erstklassigem Mountainbikepfaden und der Nähe zu den Sawtooth angezogen werden.  Aber auch das große Geld ist zurück, und nicht nur für zwei Wochen im Jahr.  Arnold Schwarzenegger ist einer der Vielen, die sich ein prunkvolles Anwesen vor filmreife Kulisse gesetzt haben.

Von Sun Valley führten alle Straßen nach Süden, und es war uns nicht ganz klar, was das nächste Ziel sein sollte.  Es war in der Tat bedauerlich, daß mit dem Wald auch unsere Pläne in Rauch aufgegangen waren.  Wir entschieden uns letztlich für den Besuch einer Eishöhle als Kontrasprogramm zu der sich wieder umbarherzig einstellenden Wüstenhitze.  Natürlich wunderten wir uns, wie das Eis in die Wüste kommt, was es da macht, und warum es nicht verschwindet, Molekül für Molekül von der Sonne aus dem festen Verbund geschlagen.  Das Phänomen war gleich noch mal so wunderlich, als daß es uns keiner 20 Meter Abstiegs bedurfte, um frierend die Tatsachen zu konfrontieren.  Die dritte Frage, warum das Eis nicht schmilzt, ist leicht beantwortet.  Die Höhle befindet sich in einer Lavaröhre, und die Tuffigkeit des Gesteins bedingt seine exzellente thermische Isolierfähigkeit.  Die Antwort zur Frage nach der Herkunft des Eises ist auch trivial.  Ist alles gefrorenes Sickerwasser.  Was nun aber dem Wasser die Wärme so gewaltig entzieht, daß es nicht nur friert, sondern auch die Höhle bei Minusgraden hält, wußte selbst unser Führer nicht.  Ein magischer Luftstrom soll dran schuld sein, denn nachdem der Einstieg in die Höhle in den 1930ern kurz nach ihrer Entdeckung für Besucher aufgeweitet wurde, schmolz alles Eis im Verlaufe der nächsten 20 Jahre.  Der jetzige Eigentümer bastelte lange herum, bis er den optimalen Luftstrom wieder hergestellt hatte und sich über die Jahre wieder Eis ansammelte.

Nun verstößt es keineswegs gegen die Gesetze der Physik, wenn Luft über Wasser strömt und dieses zum Verdampfen bringt.  Zum Verdampfen ist Energie nötig, welche dem Wasser als Wärme entzogen wird.  Also wird es kälter.  Wie aber ein 40 Grad warmer Luftstrom Wasser gefriert, ist mir trotzdem nicht klar.  Dieses Wunder der Natur machte den etwas fehlenden Glanz der Eishöhle, bei der es sich wirklich nur um eine kalte Lavaröhre handelt, auf deren Boden dezimeterdick das Eis steht und über welches man auf Holzstegen wandelt, wett.

Doch dieser Besuch ging schnell zu Ende, und uns stand nicht der Sinn nach mehr.  Stattdessen wollten wir zeitig an unserem Nachtquartier ankommen, auf daß wir richtig essen gehen könnten.  Nach Osten richtung Boise, der Hauptstadt Idahos, ging die Reise.  Um Geld für das Essen zu sparen, suchten wir nach einem Campingplatz.  Die Karte zeigte zwei vielversprechende Stauseen östlich der Stadt, aber ohne kleine Zeltsymbole.  Wie so oft schenkten wir der Karte keinen Glauben, wurden diesmal aber eines besseren belehrt.  Das Glück war uns auch später nicht hold, als wir, Beschreibungen im Lonely Planet folgend, fast zwei Stunden durch wildeste Vorstädte Boises kurvten, einem Nachtquartier aber nicht näher kamen.  Letztlich fanden wir einen Zeltplatz, der aber nur für Wohnmobile angelegt zu sein schien und uns mit unserem kleinen Zelt hartherzig von dannen schickte.  Wir mußten in den sauren Apfel beißen und uns eine Herberge suchen.

Da Mutti über die Sauberkeit und allgemeine Annehmbarkeit des Motels in Arco erstaunt gewesen war, entschieden Regina und ich, diesmal eins zu finden, das dem Charakter eines amerikanischen Roadtrips besser gerecht wird.  Beim ersten Versuch trafen wir ins Schwarze.  Für den gleichen Preis wie in Arco bekamen wir diesmal eine heruntergewirtschaftete Bude untersten Niveaus.  Nichts war kaputt oder offensichtlich schmutzig, aber doch das Ganze so verschlissen und versifft, daß selbst ich mich nicht ohne Schlappen in die Dusche wagte.  Später gab noch die Toilette ihren Geist auf und lief nicht mehr ab.  Mutti war glücklich, so ungefähr hatte sie sich das vorgestellt, und wir waren froh, mühsam erarbeitete Vorurteile bekräftigt zu haben.

Kurz danach bekamen wir auch reichlich lecker Essen bei einem Chinesen und ließen uns als Abschluß ein bißchen das Nachtleben Boises um die Nasen wehen.  Und das war für eine bäuerliche Provinzmetropole sehr ansehnlich.  Im Kunstlicht der dunklen Nacht machten die vielen kleinen Cafés, Kneipen, Restaurant und Geschäfte einen sehr guten, weil sehr lebendigen Eindruck.  In der Innenstadt von Salt Lake ist da weniger los, aber da ist ja gar nichts los.

Auf Abwegen

Am nächsten Morgen fuhren wir nach einem Abstecher zur Uni, wo Regina zwecks Abwendung drohender Arbeitslosigkeit einige Emails schrieb, in die Innenstadt zurück, die im Licht des Tages einen Großteil ihrer Faszination eingebüßt hatte.  Das Kapitolsgebäude ist von außen schmutziggrau, weiß aber innen mit mächtigen, die Geschichte und Traditionen Idahos beschreibenden Wandteppichen zu gefallen.  Wie in fast allen Idahoer Städten, mit Ausnahme Sun Valleys, gibt es nicht sehr viel zu sehen.  Städte scheinen einzig Ausgangspunkte für Naturaktivitäten zu sein, und in der Hinsicht geht es kaum besser.  Wir hatten aber genug, und so fuhren wir alsbald los, um uns wieder Utah zuzuwenden.

Dies sollte aber nicht auf direktem Wege geschehen, sondern über eine landschaftlich schöne Seitenstraße, in den USA 'scenic byway' genannt.  Diese gibt es in allen Ecken des Landes und sind meist den Umweg und die längere Fahrzeit wert.  Unsere Straße ging am Snake River entlang, und immer wieder machten Schilder auf Interessantes aufmerksam.  Wir kamen an den 'thousand springs' vorbei, wo sich das weiter oben schon angesprochene Lone River Aquifer hundertfach aus schroffer Felswand sprudelnd in den Snake entleert.  Eine weitere Attraktion, die zwar auf keinem Hinweisschild verzeichnet ist, aber keineswegs ausgelassen werden darf, ist der Milchmann von Buhl.  In seinem Laden, der schon in den 1950ern nicht mehr modern war, gibt es dutzende Sorten leckersten Eises zu absoluten Tiefstpreisen.  Unbedingt anhalten!

Offiziell klang unsere Reise in Twin Falls aus. Zuerst besuchten wir das wunderschön erhaltene 70er-Jahre Zentrum mit gammligen Läden und einfallsloser Architektur.  Näher kann man einer Zeitreise ohne ein schwarzes Loch nicht kommen.  Plattenbau-Einheitsgrau und Schaufensterauslagen, die jedem Centrum-Warenhaus Ehre bereitet hätten, erweckten für eine Stunde unsere Vergangenheit zum Leben, mitten in den USA.  Schließlich fuhren wir zum nahegelegenen Shoshone Fall des Snake, der im Frühjahr wenn nicht mit seiner Breite und Höhe dann doch mit seiner Wasserführung die Fälle des Niagara in den Schatten stellt.  Diesertage, nach einem trocknen Sommer, tröpfelte er als jämmerliches Rinnsal über staubtrockne Klippen und verwehrt widerspenstig alle Gedankenspiele, wie er denn nun aussähe, wenn nur ein bißchen mehr Wasser flösse.  Mutti und Regina nutzten die Gelegenheit zum Bad im benachbarten Lavasee, dessen Wasserqualität aber nicht annähernd mit der des Red Fish Lake konkurrieren konnte.  Dafür war's erfrischend.  Frohen Mutes machten wir uns auf den letzten Fahrabschnitt, ruhiges Heimrollen erwartend.  Eine letztes Erlebnis wartete allerdings noch auf uns.

Nahe der Utah-Idaho-Stateline kamen wir in den Genuß einer erstklassigen Wüstenerfahrung. Es begann mit vielen verwegenen Tumbleweeds, die, als wäre das Leben ein Videospiel, die Straße zu queren versuchten und dabei meist von dahinrasenden Autos er- und zerlegt wurden.  Rechts der Autobahn standen riesige Warnschilder, die auf 'frequent blinding storms next 30 miles' hinwiesen.  Bevor wir die Zeit hatten, uns über diese etwas statische Wettervorhersage lustig zu machen, verdunkelte sich auch schon der Himmel.  Eine frische sandwirbelnde Brise kam auf, die sich in kürzester Zeit zum ausgewachsenen Sandsturm steigerte.  Das war richtig beeindruckend und wurde gekrönt von einem kurzen Stück völlig die Sicht nehmenden Sturmes, der schneller begann, als man bremsen konnte.  Für einen Moment kam in mir Panik auf.  Wäre die Windschutzscheibe nicht gewesen, ich hätte die Hand vor Augen nicht gesehen.  So sah ich weder die Rücklichter des Vordermanns noch die Seite der Straße.  Als sich die Vernunft durchsetzte und ich rechts ranfahren wollte, war schon alles so vollgeparkt, daß es nicht ganz einfach war, ein Plätzchen zu finden.  Erstaunlicherweise passierte kein Unfall.  Jeder fuhr extrem vorsichtig.  Also ging es nach kurzem Überlegen auch für uns weiter, weil nichts anderes möglich gewesen wäre.  Knapp zwei Stunden später waren wir wieder in Salt Lake, und Regina und Mutti blieben nur noch zwei Tage ihres Urlaubes.

September 2003