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Alteisen

Seit heute gehöre ich zum alten Eisen.  Schrott sozusagen.  Zu nichts mehr zu gebrauchen.  Ohne daß ich es davon abhalten konnte, tat mein Leben einen mächtigen Satz und befindet sich jetzt in seiner vierten Dekade.  Wie gesagt, seit heute.  Ich selbst fühle mich dem Ereignis angemessen matt, schlaff und altersschwach.

Noch habe ich aber nicht akzeptiert, daß mein Leben schon verwirkt sein soll.  Die vergangene Nacht habe ich in einem Liegewagen verbracht und bin viele Stunden durch dunkles Land gerattert.  Morgens um acht bekam ich die Freiheit zurück und mit ihr die Gelegenheit, mich zu strecken und frische Luft zu atmen.  Ich befinde mich in Lourdes, der Pilgerstadt zu Füßen der Pyrenäen, dem Mekka der Christen und, wie es sich herausstellt, einem katholischen Disneyland.  Denn was als erstes auffällt, sind hunderte von Souvenirläden prall gefüllt mit von innen leuchtenden Plastemadonnen, Mützen und T-Shirts, die Lourdes anpreisen, und aufkleberverzierten Kanistern für das heilige Wasser.

Lourdes' Ruhm begründet sich auf mehrere Mariensichtungen der kleinen Bauerntochter Bernadette und dem Fund einer Höhle mit sprudelndem Quell.  Schnell sprach sich beides herum, und Katholiken kamen von nah und fern, den geweihten Ort zu sehen.  Bald wurde von Wundern berichtet.  Gebrechlichen erstarkten die Glieder, nachdem sie sich am frischen Naß gelabt hatten, Blinde wurden sehend, früh Vergreiste wieder jung.  Die Pilgerschar schwoll zum reißenden Strom.

Dieser Tage ist vor der Wallfahrtskirche stetes Kommen und Gehen.  Hoffnung durchdringt die Luft, in allen Augen leuchtet die Freude, hier sein zu dürfen.  Hier und da singen kleine Grüppchen fromme Weisen.  Die Stimmung erinnert fast an ein Volksfest, Freude und Optimismus sind überall zu spüren.  Doch gleichzeitig bedeckt ein Schleier respektvoller Erfurcht den Trubel und dämpft die Exuberanz.  Inmitten allem stehe ich.

Was mache ich hier?  Habe ich ernste Leiden, die übernatürlicher Heilung bedürfen?  Suche ich den Jungbrunnen?  Oder bin ich plötzlich katholisch geworden, steht mir der Sinn nach Erbauung oder Erleuchtung?  Will ich gar dereinst Benedikt beerben?  Papst Hilarius der Zweite?  Keinesfall.  Devote Katholiken sind nicht die einzigen, die es nach Lourdes zieht.  Da die Tour de France heute nur 40 km entfernt über den Col d'Aubisque führt, verstärken Pilger ganz anderer Art das Gedränge.  Viele Tourtruppen haben ihr Quartier in Lourdes aufgeschlagen und wollen von hier den Berg erklimmen, um ihren Idolen zuzujubeln – mit ähnlicher Verehrung wie die weniger Aktiven unten im Tal.

Um mich herum ist zuviel Bewegung.  Ständig rollen Grüppchen buntgekleideter Radler an mir vorbei.  Ich bekomme Angst, schon zu spät zu sein, dabei ist es gerade erst zehn.  Trotzdem schwinge ich mir den Rucksack auf den Rücken und mich auf mein Rad.  Es dauert keine fünf Minuten, bis ich mit Zac von Trek Tours plaudere und geruhsam den Bergen entgegen- und dann diese hinaufrolle.  Zac verdient sein Geld jeden Sommer damit, zahlungskräftiger Kundschaft die schönste Seite Frankreichs zu zeigen und ihr das Leben so einfach wie möglich zu machen.  Wir halten an einem Verpflegungswagen und auch ich darf mich mit HarvestBars und PowerGels eindecken.  Dann muß sich Zac um seine Gäste kümmern, und ich rolle alleine weiter.

Wobei alleine ein sehr relativer Begriff ist, wenn sich eine schier endlose Schlange von Radlern jedes Schlages zum Col de Soulor, dem Vorgipfel zum Aubisque, hochkämpft.  Mein Rucksack ist kein großes Handicap, der Anstieg erscheint leicht.  Offenbar haben die vielen Runden durch die steile Umgebung Grenobles doch ein wenig angeschlagen.  Ab drei Kilometer vor dem Paß sind beide Straßenseiten komplett zugeparkt.  Für Autofahrer, die sich zu spät entschieden haben, ist Schluß.  Die Gendarmen lassen nur noch Wanderer und Radler passieren.  Der Verkehr wird dadurch nicht weniger dicht.

Oben auf dem Soulor ist der Trubel auf seinem vorläufigen Höhepunkt.  Dutzende Stände verkaufen alles, was das Herz begehrt, von Socken und Trikots über Tourmemorabilia bis zu Bratwurst und Bier.  Ich ziehe aber weiter, mein Ziel ist der Aubisque, die Hauptschwierigkeit des Tourtages und Bergprüfung der höchsten Kategorie, sieben Kilometer entfernt.  Zuerst geht es gemütlich, dann immer flotter den Berg hinab.  Aufgrund von chaotischem Gegenverkehr und rabenschwarzen Tunneln muß ich höllisch aufpassen.  Endlich der Schlußanstieg.  Hier gibt mir das PowerGel den erwarteten und doch immer wieder in seiner Stärke überraschenden Kick, und ich fahre Schulter an Schulter mit einem durchtrainierten Italiener auf einem aggresiv aussehenden Carbonrad.  Er wundert sich sicher, was der dicke Rucksack neben ihm macht, und dann noch mehr, als er die Demonstration seiner Stärke, den Sprint zum Paß, vermasselt und nur zweiter Sieger wird.

Auf dem Aubisque werfe ich mein Rad neben viele andere in den Straßengraben.  Noch panisch nach Luft schnappend enfalte ich meine zwei Quadratmeter Deutschland, die mich durch die Welt begleiten.  Fahnen sehe ich zwar überall, aber keine so groß wie meine und nicht viele so schön.  Schwarz, wie mir vor Augen ist, Rot wie das Blut, das mit 180 Schlägen aus meinen Ohren will, und Gold wie die Sonne, die den Tag perfekt macht.  Herz und Lunge beruhigen sich, und eine Viertelstunde später erkunde ich die Paßhöhe.  Es sieht ähnlich aus wie auf dem Soulor, nur sind noch nicht ganz so viele Leute versammelt.  Ob das noch wird?  Rechts wie links besiegen ständig neue Radler den Paß.

Plötzlich wird es zum ersten Mal laut, kommt Bewegung in die Massen.  Die Werbekaravane ist im Anmarsch.  Was die nächste Dreiviertelstunde abgeht, entzieht sich jeder Beschreibung.  Hunderte Autos im irren Design der Sponsoren fahren an uns vorbei, jedes mit eigener musikalischer Umrahmung.  Auf LKW-Ladeflächen hüpfen junge Schönheiten auf und ab und heizen die Stimmung an.  Selbst Pompoms werden geschwenkt.  Wer schnell ist, gut fangen kann oder einfach nur Glück hat, kann tolle Geschenke abfassen.  Ich bekomme zwei Tütchen Haribo und eine mit Brezeln, einen Kühlschrankmagneten, eine Trillerpfeife, die nicht trillert, aber ganz ausgezeichnet zum Krachmachen taugt, und einen Schweizer Kuli.  Gut, daß ich den Krempel nicht auch noch auf den Berg tragen muß.  Für mich wird es später nur noch runter gehen.

Der Spuk ist vorbei, für eine Weile wird es ruhig.  Ein Adler kreist friedlich in der Luft.  Doch die Spannung steigt unaufhaltsam.  Hier und da ein Taschenradio mit Radio Tour.  Cadel Evans ist vorn, Vino versucht mal wieder sein bestes.  Alle schauen wie gebannt den Berg runter, man sieht fünf, sechs Kurven der Paßstraße.  Dort werden sie kommen.  Plötzlich wird der Frieden des Adlers empfindlich gestört.  Der erste Helikopter taucht auf, gefolgt von weiteren.  Nun ist es auch mit der Ruhe der Zuschauer endgültig dahin.  Die Spannung kocht.  Sind sie schon da, wer ist vorn?  Die Plätze auf der Hangseite sind die begehrtesten, da ist kein Reinkommen.  Dann die Motorräder, Autos, mehr Motorräder und endlich Cadel Evans, der wie ein Angestochener der Berg hinaufheizt und souverän die Bergwertung gewinnt.  Ich schwenke meine Fahne durch die dünne Luft und schreie mich warm.

Der Rest der Ausreisgruppe folgt auseinandergezogen über die nächsten Minuten.  Das ganze Gefühlsspektrum von Hoffnungsfreude über Determination bis zu ganz offensichtlichem Leiden ist vertreten.  Vor so manchem Mund steht Schaum, einige Augen sind verdreht.  Während ich auf Vino warte, verpasse ich fast die "groupe maillot jaune", Lance, Ulle, Basso und Kollegen.  Vino ist wieder eingeholt und klammert sich am Ende dieser Gruppe fest.  Natürlich feuer ich auch ihn an und pfeife ihm ins Ohr.  Er wird mir dankbar sein.

Über die nächste Viertelstunde verstreut kommen die restlichen Fahrer.  Als ich das grün-gelbe Trikot des australischen Meisters McEwen sehe, kann auch Robert Förster, der Gerolsteiner-Sprinter, nicht mehr weit sein.  Ihn will ich ganz besonder anfeuern, bei so einem schönen Namen.  Da kommt er, sieht gar nicht so schlecht aus.  Ich schwenke meine Fahne wie wild, schlage die Arme in die Gesichter der armen Nebenleute und schreie "Frösi, Frösi" so laut ich kann.  Er ist tief über den Lenker gebeugt, das Ende des Anstieges herbeisehnend.  Überraschend dreht er seinen Kopf zu mir, greift seine Trinkflasche und rollt sie mir vor die Füße.  Profiflaschen sollen ja ein ganz besonders begehrtes Souvenir sein.  Ich bin so verdutzt, daß ich mich erst als zweiter, aber zumindest am schnellsten bücke.  Die Pulle ist meine.  Zufall oder perfekte Fan-Sportler-Kommunikation.  Ich entscheide mich, letzteres zu glauben.

Das wars dann.  Jean-Marie Leblancs roter Skoda kommt vorbei, Fin de la Course.  Der Aubisque ist Geschichte.  Für mich ist der Tag aber noch nicht zuende, ich muß noch nach Pau.  Organisatorisch talentiert wie ich bin, habe ich mir zu Hause nur kurz die Straße rausgesucht.  Jetzt, beim genaueren Studium der Karte, erfahre ich, daß ich noch 70km vor mir habe.  Na toll.  Aber die ersten 40km geht es nur bergab.  Im Vertrauen darauf, daß jetzt sicher keiner den Aubisque hoch will, lege ich ein Höllentempo vor und nutze die gesamte Breite der Straße.  Autos, Wohnmobile und andere Radler dürfen sich kurz an meiner Rückseite ergötzen.  Als ich unten bin, hilft mir der Wind ein bißchen.  Ich fahre immer noch fast 40km/h.  Zehn Kilometer vor Pau eine steile Kurve, und der Wind kommt mir entgegen.  Ich danke Frösi für das Wasser, das ich aus seiner Flasche in meinen CamelBak gegossen habe.  Ohne würde es mir verdammt schlecht gehen.

Schließlich erreiche ich Pau, für mich die erste Stadt in Frankreich, die wirklich einen Umweg wert ist.  Einen Umweg, wenn man damit einen Besuch vermeiden kann.  Ich stehe im Zentrum und frage mich ernstlich, wo denn das Zentrum ist.  Hier gibt es nichts, keine Cafés, Restaurants, Kneipen, kaum Leben – dafür lange Straßen mit Autowerkstätten und viel Verkehr.  Ist das noch Frankreich?  Ich finde den Bahnhof und setzte mich zum Auftanken und Kalorienladen in ein Restaurant gleich um die Ecke.  Nach 20 Minuten gehe ich, weil meine Anwesenheit komplett ignoriert wird.  Ok, ganz klar, Frankreich.

Die nächste Gaststätte ist nicht weit, ich werde schnell bedient, aber am Ende wird es trotzdem ganz knapp.  Im Laufschritt durcheile ich die Bahnhofshalle, vergesse, meine Fahrkarte zu entwerten, und steige in das falsche Zugende ein, während mir der Schaffner mit furchteinflößender Gestik erklärt, daß ich mein Fahhrad nicht mitnehmen darf.  Ich weiß es besser.  Eine halbe Stunde später sind alle Problem aus der Welt, ich habe mich zu meinem Wagen durchgekämpft, sitze auf meinem Bett und trinke den Wein des deutsche Ehepaars, das mit mir im Abteil ist.  Ich bin hundemüde und schlafe schnell ein.

Es ist sechs Uhr morgens am Tag danach.  Die Sonne geht auf, der Zug rollt in Lyon ein.  Von hier ist es bloß noch ein Katzensprung nach Grenoble.  Nur langsam öffne ich die Augen, denn die Nacht war kurz und genügte trotz des durchaus komfortablen Bettes den vortäglichen Anstrengungen und Erlebnissen nicht.  Ich fühle mich zwar nicht gerädert, aber zumindest müde, schlaff und matt.  Kurz, dem Alter angemessen.

20. Juli 2005